Letztes Update am 27.06.2012, 12:33
Ute Bock: Eine Ungemütliche wird 70.
Von der Linken verehrt, von den Rechten attackiert: "Flüchtlingsmutter“ Ute Bock wird 70 – ein Portrait zum Geburtstag.
Von der Linken verehrt, von den Rechten attackiert: "Flüchtlingsmama“ Ute Bock ist im Sommer 70 geworden – ein Portrait.
Geboren in Linz, hat Bock nach der Matura den Weg nach Niederösterreich und später Wien gesucht - zuerst als Erzieherin in einem Heim für schwer erziehbare Sonderschüler in Biedermannsdorf, danach in Wien-Favoriten, wo sie in der mittlerweile viel zitierten Zohmanngasse ihre Arbeit aufnahm.
In den 1970er Jahren wurde dort ein Gesellenheim geführt, Bock kümmerte sich um Fälle aus schwierigen sozialen Verhältnissen - 1976 wurde sie Leiterin der Einrichtung. Mit Beginn der Balkan-Krise wandelte sich das Bild der Hilfesuchenden: Junge Zuwanderer, zunächst aus Ex-Jugoslawien, später auch für viele Schwarzafrikaner, fanden bei Bock Unterstützung.
1999 war es dann, als Ute Bock erstmals auf nationaler Ebene so richtig wahrgenommen wurde – im Rahmen der unrühmlichen "Operation Spring": Als die Polizei in eben jenem Heim eine Drogenrazzia durchführte, stand auch sie selbst im Visier der Exekutive.
Etwa 30 Jugendliche afrikanischer Herkunft hat man damals wegen des Verdachts von Drogenhandel festgenommen; zuvor war erstmals österreichweit ein "großer Lauschangriff" durchgeführt worden. Bock wurde wegen Bandenbildung und Drogenhandels angezeigt und zeitweise vom Dienst suspendiert.
Die Konsequenz: Die Anklage wurde später fallengelassen – Bock wurde es allerdings verboten, weitere afrikanische Asylwerber in der Zohmanngasse unterzubringen.
Im Rahmen der „Operation Spring" hat man übrigens gesamt 100 Verfahren gegen Afrikaner geführt – die von Menschenrechtsorganisationen scharf kritisierte Operation entwickelte sich zu einem der größten Justizverfahren der österreichischen Nachkriegsgeschichte. Fast alle Angeklagten wurden zu teilweise langjährigen Haftstrafen verurteilt.
Bocks Pensionierung folgte im Jahr darauf. Ein Schritt, der ihr Engagement allerdings nicht verebben ließ: Bock verwendete ihre eigene Pension dafür, um Unterkünfte für Hilfesuchende zu installieren – Flüchtlinge fanden in ihren vier Wänden Schutz.
Bocks Einrichtungen fungierten auch als Briefkasten-Adresse für all jene, die kein Dach über dem Kopf hatten – zunächst in Favoriten, später in der Leopoldstadt.
Unterstützung gab es vor allem von kultureller Seite. "Bock auf Bier" war in aller Munde, als Wiener Wirte den Gerstensaft um zehn Cent teurer verkauften, um Ute Bock zu helfen. "Bock auf Kultur" war ein ebenso erfolgreiches Nachfolgeprojekt für die Sozialeinrichtung.
Die Früchte der ehrenamtlichen Arbeit: Etwa 100 Wohnungen für über 300 Menschen aus mehr als 20 Ländern konnten bald bereitgestellt werden. Das Geld reichte auch bis zum Jahr 2008, als der Verein sich finanziell nicht mehr überlebensfähig sah...
... und Bock selbst sogar mit einem Sprung aus dem Fenster drohte. Aufgefangen im übertragenen Sinne hat sie der Unternehmer Hans-Peter Haselsteiner – der scheidende Strabag-Chef sprang finanziell ein.
Stressfrei ist die Lage für Ute Bock deshalb aber noch lange nicht. Derzeit hat sie nach der Rückübersiedelung ihrer Einrichtung in die Zohmanngasse mit Anrainerbeschwerden zu kämpfen – der Unmut gegen die Asyleinrichtung wächst; nicht zuletzt deshalb, weil zwei Tschetschenen kürzlich eine Streitigkeit per Messerstecherei ausgetragen haben.
Freilich gilt es zu bemerken: Der Schauplatz war von der Zohmanngasse weit entfernt. Nichtsdestotrotz geht die Debatte weiter – auch der KURIER hat bereits zu einem Stadtgespräch dazu geladen.
Abbringen lässt sich Bock deshalb aber von nichts. Und der Zuspruch gibt ihr Recht: Nicht nur ihre Schutzbefohlenen titulieren sie liebevoll "Mama"; auch Kunstschaffende widmen sich ihrem Wirken.
"Bock for President" und "Das verrückte Leben der Ute Bock" von Regisseur Houchang Allahyari gäbe es da etwa – mit Darstellern wie Josef Hader. Auch eine Biografie -"Die Geschichte einer Flüchtlingshelferin - wurde bereits publiziert.
Und auch der "Kaiser" hatte bereits Bock darauf, mit ihr zu sprechen - der "Flüchtlingsmama" hat`s gefallen.
Wie es mit Bock weitergeht? Diese Frage hat die Grande Dame der Flüchtlingshilfe bereits im KURIER beantwortet: "Was soll ich denn tun? Mich in den Park setzen, die Kronenzeitung lesen und Strumpf stricken?"
(kurier)
Erstellt am 27.06.2012, 12:30