Missbrauchsop­fer klagt Jesuiten und Lehrer

Kollegium Kalksburg, Jesuiten, Schule, Internat, G…
Foto: KURIER/Georg Hönigsberger Das Kollegium wurde ursprünglich der unbefleckten Jungfrau Maria geweiht.

Das Kollegium Kalksburg unter Beschuss. Ein ehemaliger Schüler erhebt schwerwiegende Vorwürfe gegen das ehemalige Elite-Internat des Papst-Ordens.

Sie leuchtet schon aus der Ferne: Die Statue der Maria Immaculata, die mit leicht gesenktem Haupt und ausgebreiteten Armen in goldenem Glanz erstrahlt. Die Skulptur erwartet jene, die auf das imposante Schulgebäude im Süden Wiens zugehen. Direkt vor dem Eingangsportal steht die goldene Jungfrau, die dem Elite-Gymnasium  auch ihren Namen gab – Collegium Immaculatae Virginis, Kollegium der unbefleckten Jungfrau, vulgo Kollegium Kalksburg.

Licht und Schatten

Wo viel Licht und Glanz, da auch viel Schatten. Einige Absolventen des ehemaligen Jesuiten-Internats empfinden das  Attribut „unbefleckt“ wohl  eher als Hohn, denn als Ehre. Einer von ihnen hat nun eine Zivilklage eingereicht – gegen einen ehemaligen Erzieher des Internats, der ihn über Jahre hinweg sexuell missbraucht haben soll, und gegen den Jesuiten-Orden, der den Mann beschäftigt hatte.

Weitere – darunter auch prominente – Zeitzeugen aus den 1980er-Jahren berichten dem KURIER  von sexueller Belästigung durch den heute 56-jährigen Mann. Dieser hat beruflich nach wie vor mit Kindern zu tun. Er unterrichtet seit 1988 als Lehrer in einem öffentlichen Gymnasium in Wien. Der Kläger und ehemalige Zögling, heute 44 Jahre alt, fordert: Dieser Mann müsse von Kindern ferngehalten werden.
„Ich wurde von S. (Name der Redaktion bekannt, Anm.) in den Anfangsjahren in Kalksburg mehrere Male und wiederholt sexuell missbraucht“, sagt der 44-Jährige, der 1988 maturiert hat, im KURIER-Interview.

Grauslich ausgenützt

Er sei damals jäh aus dem Familienleben gerissen worden, erinnert er sich  an seine erste Zeit im Kollegium Kalksburg. „Wenn man plötzlich von den Eltern wegkommt, geht es um Zuneigung und Geborgenheit. Das ist von S. grauslich ausgenützt worden.“ Der Missbrauch soll etwa in den Jahren 1982 bis 1984 geschehen sein; zwischen dem elften und dreizehnten Lebensjahr.

S., für den die Unschuldsvermutung gilt,  war damals Student und arbeitete im Internat als Nachtpräfekt, hatte also während der Nachtstunden die Aufsicht über die im Internat lebenden Burschen. „Er hatte sein eigenes Zimmer mit einem Schlafsack statt Bettzeug“, erinnert sich der ehemalige Zögling. „Dort kam es zu den sexuellen Übergriffen.“ Dort sei er von S. missbraucht worden.

Verdrängung

Die Erinnerung an das Geschehene habe er über Jahre hinweg verdrängt. Erst vor etwas mehr als einem Jahr im Zuge einer Psychotherapie sei ihm der Missbrauch durch den Nachtpräfekten wieder ins Bewusstsein  gerufen worden; rund 30 Jahre nach den Vorfällen. Dies sei keineswegs ungewöhnlich, sagt die Trauma-Expertin Sandra Gerö: „Gerade beim sexuellen Missbrauch ist es schwierig, darüber zu sprechen.  Oft kommt die Erinnerung in ihrer ganzen Tragweite erst dann zurück, wenn man psychisch stabil genug ist, sich damit auseinanderzusetzen.“ (Siehe unten)

Der ehemalige Schüler, der seit Jahren für einen internationalen Konzern tätig ist, hat auf eigene Faust recherchiert und herausgefunden, dass S. nicht nur Lokalpolitiker in Niederösterreich ist, sondern mittlerweile als Lehrer in einem Gymnasium in Wien tätig ist. Da habe er sich zum Handeln und zur Zivilklage entschlossen. „Ich bin ja selbst Vater. Es gibt eine Verantwortung den Kindern gegenüber, dass man verhindert, dass solche Leute wie S. sie unterrichten.“

Schadenersatz

Aber er klagt auch den Jesuiten-Orden, dem immerhin auch der Papst angehört. „Ich sehe bei den Jesuiten eine große Verantwortung, die nicht wahrgenommen wurde.“ Sein Anwalt Johannes Öhlböck fordert Schadenersatz sowie die Feststellung, dass die Beklagten für künftige Therapiekosten aufkommen müssen. Die dreijährige Verjährungsfrist sieht Öhlböck gelassen. Durch die Traumatisierung könne sich sein Mandant erst seit etwa einem Jahr an die Vorfälle erinnern. Daher, so seine Auffassung, beginne die Verjährungsfrist auch erst ab diesem Zeitraum. Die erste Verhandlung ist für 4. Juni anberaumt.

Stellungnahme der Jesuiten

Gernot Wisser, Provinzial der österreichischen Jesuiten, stellt klar: „Sexuelle Übergriffe und Missbrauch wo und von wem auch immer sind zu verurteilen und durch nichts zu rechtfertigen.“ Zum laufenden Verfahren wolle er keine Stellungnahme abgeben. „Um die Vorwürfe zu klären, gibt es ja das Gerichtsverfahren.“ Er bedauert aber, dass der Kläger nicht zuvor das Gespräch mit dem Orden gesucht hat.

Morgen im KURIER und auf kurier.at: Die Rechtfertigung des ehemaligen Nachtpräfekten.

Geschichte

Schul-Tradition seit 1856

Kollegium Kalksburg, Jesuiten, Schule, Internat, G…
Foto: KURIER/Georg Hönigsberger

Die Jesuiten erwarben das Schloss Mon Pérou in Wien-Liesing im Jahr 1856. Nach und nach wurde auf dessen Grundmauern  das Kollegium aufgebaut. Der heutige Gymnasiumsbau wurde 1859 eröffnet. Im Jahr 1897 erhielt die Schule das Öffentlichkeitsrecht für alle Klassen sowie das Recht Reifeprüfungen abzuhalten. 1938 von den Nazis geschlossen und als Polizeischule verwendet, wurde der Schulbetrieb 1947 wieder aufgenommen. 1969 wurde erstmals ein Laie Schuldirektor. Seit dem Schuljahr 1983/84 dürfen auch Mädchen das Gymnasium besuchen. 1990 wurde das Internat geschlossen. Die Vereinigung der Ordensschulen Österreichs wurde gegründet, die das Kollegium 1993 von den Jesuiten übernahm. Im selben Jahr wurde auch zusätzlich eine Volksschule eingerichtet.

Interview

Das Opfer spricht von Scham und Selbstschutz

Der 44-jährige Kläger will verhindern, dass sein mutmaßlicher Peiniger weiterhin Kinder unterrichtet.

Kollegium Kalksburg…
Foto: /Kollegium Kalksburg

KURIER: Waren im Gymnasium und im Internat Kalksburg weltliche oder geistliche Personen tätig?
Ehemaliger Zögling: Wir waren untertags in der Schule. Es gab einen ganz klar durchstrukturierten Tagesablauf. Es waren nur ein oder zwei Jesuiten unter den Lehrern, sonst waren es weltliche. Jede Klasse hatte einen Präfekten oder eine Präfektin, das waren auch meistens Weltliche, die vom Schulschluss bis zur Nachtruhe zuständig waren. In der Nachtruhe gab es einen Nachtpräfekten.

Sie haben eine Zivilklage wegen sexuellen Missbrauchs eingereicht. Warum erst jetzt, rund 30 Jahre später?
Ich klage gegen die Jesuiten und gegen Mag. S. Meine Erinnerungen an den sexuellen Missbrauch durch S. sind mir erst 2013 im Rahmen meiner Psychotherapie herausgekommen. Ich wurde von S. in den Anfangsjahren in Kalksburg mehrere Male und wiederholt sexuell missbraucht. Zur Klage habe ich mich nach der Therapie entschieden, als der erste Schock vorüber war.

Wie haben sich diese Vorfälle auf ihr Leben als Unterstufen-Schüler ausgewirkt?
Ich war ursprünglich Vorzugsschüler, Klassensprecher, Fußballkapitän, Internatssprecher… Nachdem mir aber all das mit S. passiert war, bekam ich eine Krankheit. Ich bin in kürzester Zeit vom Vorzugsschüler zum Fünfer-Schreiber abgefallen. Ich bin auch auf einmal nicht mehr gewachsen. Ich wurde von einem der Bestentwickelten in der Klasse zu einem der drei Kleinsten. Niemand hat gewusst, was mit mir passiert ist. Ich führe es heute auf den sexuellen Missbrauch zurück.  Mein Therapeut sagte zu mir: „Das war ein Anzeichen, dass sie wieder Kind sein wollten.“

Wo haben sich die Vorfälle ereignet?
S. war unser Nachtpräfekt. Er war kein Lehrer. Dass er dann auch Lehrer wurde, habe ich erst 30 Jahre später mitbekommen. Er hatte als Nachtpräfekt ein eigenes Zimmer mit einem Schlafsack statt Bettzeug. Dort kam es zu den sexuellen Übergriffen. Etwa von der zweiten bis zur dritten oder vierten Klasse. So genau kann ich das nicht mehr sagen. Ich war ja ein unschuldiges Kind vom Lande. Viele andere Schüler hatten die Eltern im Ausland, oder ihre Eltern waren geschieden, oder bereits verstorben. Wenn man plötzlich von den Eltern wegkommt, geht es um Zuneigung und Geborgenheit. Das ist von S. ganz grauslich ausgenutzt worden.

Immer wieder hört man Vorwürfe, wenn Leute nach sexuellem Missbrauch erst Jahrzehnte später darüber sprechen. Warum haben Sie sich damals niemandem anvertraut?
Ich war unfähig, darüber zu kommunizieren. Es war Scham. Es war ja ein Paradigmenwechsel – auf einmal war ich ein sexuell missbrauchtes Opfer. Dass man nicht darüber spricht und es jahrzehntelang verdrängt, hat mit Scham oder Selbstschutz zu tun. Vielleicht gelang es mir auch, mir über meinen Intellekt einen Panzer zuzulegen.

Warum klagen Sie auch den Orden?
Meine Eltern haben mich nach Kalksburg geschickt unter der Voraussetzung, dass es sich um eine gute Schule handelt. Sie haben ja auch viel Schulgeld dafür bezahlt. Und die Jesuiten waren nicht fähig, einen Nachtpräfekten auszusuchen, der nicht jahrelang solche Sachen anstellt. Ich sehe bei den Jesuiten eine große Verantwortung, die nicht wahrgenommen wurde.

Vergangenheitsbewältigung?
Ich bin ja selbst Vater. Und mir geht es nicht nur darum, das sozusagen gerade zu stellen, was in der Vergangenheit war, sondern mir geht es auch um die Gegenwart und um die Zukunft. Es gibt eine Verantwortung den Kindern gegenüber, dass verhindert wird, dass solche Leute wie S. sie unterrichten.

Sie fordern Schadenersatz. Ich höre schon die üblichen Kritiker sagen: „Dem geht es ja nur ums Geld.“
Ich habe mir nach der Therapie Gedanken gemacht, was zu tun ist. Da habe ich ein wenig nachgeforscht und herausgefunden, dass S. heute Lehrer in einem Gymnasium in Wien ist und habe den Stadtschulrat darüber informiert. Und auch ein ehemaliger Schulkollege hat in der Zwischenzeit an den Stadtschulrat geschrieben, wo er auch über sexuelle Übergriffe durch S. berichtet. Und ich habe mich dafür entschieden, auf Schadenersatz zu klagen, weil es die einzige Möglichkeit ist, das vor ein Gericht zu bringen. Es geht mir nicht ums Geld. Es geht darum, dass sowohl S. als auch die Jesuiten die Verantwortung dafür übernehmen, was damals in Kalksburg passiert ist.

Es kann auch sein, dass Sie mit Ihrer Klage abblitzen.
Das wirklich Grausliche ist die Vorstellung, dass er nicht verurteilt wird und weiter Lehrer bleibt.

Expertengespräch

Das Trauma wird man nicht mehr los

Die burgenländische Psychologin Sandra Gerö, Expertin für Traumabehandlung, erklärt, wie es vor allem bei Kindern zur Verdrängung von Missbrauch kommen kann.

Sandra Gerö, Psychologin, Traumatherapie, Burgenla…
Foto: /Privat

KURIER: Ein Mann erinnert sich im Zuge einer Psychotherapie  an sexuellen Missbrauch durch einen Erzieher im Internat. Ist das rund 30 Jahre nach den Vorfällen glaubwürdig?

Sandra Gerö: Das ist sehr wohl möglich und kommt immer wieder vor.  Offenbar hat die Person Beschwerden gehabt und sich in Psychotherapie begeben. Dort sucht man gezielt nach der Ursache für Probleme und in diesem geschützten Rahmen kann die Wahrheit ans Licht kommen, auch wenn sie schon lange zurück liegt und vergessen war.

Wie ist es möglich, dass Erinnerungen  über Jahrzehnte hinweg verschüttet sind?

Unser Hauptmechanismus bei psychischen Traumen ist die Verdrängung. Gerade beim sexuellen Missbrauch ist es schwierig, darüber zu sprechen. Das hat viel mit Scham zu tun, und damit, wie der Täter das Opfer „bearbeitet“. Das  heißt, wie er es schafft, dem Opfer einzureden, dass es selbst am Missbrauch schuld sei.  Das erschwert die normale Traumaverarbeitung zusätzlich.   Oft kommt die Erinnerung in ihrer ganzen Tragweite erst dann zurück, wenn man psychisch stabil genug ist, sich damit auseinanderzusetzen.

Bei lange zurückliegendem Missbrauch kommt von Außenstehenden oft der Vorwurf, die Opfer würden die Geschichten bloß erfinden.

Das ist ein Abwehrmechanismus: Was nicht sein darf, kann nicht sein. Denn wenn es wahr wäre, könnte es auch mir oder meinen Kindern passieren. Es ist ein Eigenschutz,  aber für das Opfer bedeutet die Verständnislosigkeit der Umwelt eine Retraumatisierung.

Kann man das Trauma auch wieder loswerden oder verarbeiten?

Loswerden kann man das nicht. Aber es gibt in der Therapie verschiedene Methoden der Trauma-Bearbeitung. Ein wichtiger Faktor ist, dass das Opfer aus der erlebten Hilflosigkeit herauskommt und selbst entscheidet, was passieren soll, in diesem Fall also eine Anzeige macht. Solange die gerichtliche Auseinandersetzung passiert, ist es noch nicht vorbei. In dem Zusammenhang ist es ganz wichtig, wie das Verfahren ausgeht. Es gibt aber auch Opfer, die wollen mit dem Täter nichts mehr zu tun haben. Auch das ist eine Möglichkeit, mit dem Trauma umzugehen.

Mehrere ehemalige Schüler berichten, dass damals über das „Begrapschen“ durch den Erzieher unter den Kindern regelrecht gewitzelt wurde.

Es handelte sich um Jugendliche und um beginnende Pubertät. In dem Alter weiß man nicht, wie man damit umgehen soll. Da werden dann gerne Witze gemacht, gerade bezogen auf die Sexualität. Die Flucht in den Humor ist hier ein erstes Verdrängen.

Jetzt, als Erwachsene, versuchen einige Schüler, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um zu verhindern, dass der ehemalige Erzieher weiterhin als Lehrer tätig ist.

Da versteht man als Erwachsener, was es bedeutet und man versteht vielleicht erst auch jetzt, wie einen das alles selbst beeinflusst hat. Dann wissen Menschen plötzlich, dass das für sie nicht gut war und möchten es heute den anderen Kindern ersparen. Eine ganz andere Reaktion wäre der Spruch: „Mir hat es ja auch nicht geschadet.“

Was würden Sie jemandem raten, der selbst traumatische Kindheitserlebnisse hatte?

Das kann man nicht pauschal sagen. Für manche ist das vielleicht kein Thema, weil sie trotz Trauma ein gutes, erfülltes Leben haben. Man müsste sich anschauen: Wie hat sich der Missbrauch ausgewirkt. Oft gibt es eine Zäsur im Leben und man kommt drauf, dass schon wieder eine Beziehung kaputt ist, schon die dritte Ehe gescheitert ist und möglicherweise doch der Missbrauch in der Kindheit etwas in einem bewirkt hat. Ganz wichtig ist es, sich an einen Psychologen oder eine Psychotherapeutin zu wenden, die in Trauma-Bearbeitung ausgebildet sind.

(Kurier) Erstellt am
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