Extremismus: "Müssen Notbremse ziehen"

Edit Schlaffer…
Foto: /Frauen ohne Grenzen Edit Schlaffer (Mitte) arbeitete jahrelang in ihren „Mütterschulen“ mit Müttern von Dschihadisten und Selbstmordattentätern weltweit

Die Gründerin der "Mütterschulen" fordert ein elftes Gebot.

Edit Schlaffer, Sozialwissenschafterin und Gründerin von "Frauen ohne Grenzen", hat mit über tausend Müttern gesprochen, deren Kinder radikalisiert und vom IS rekrutiert wurden. Die von ihr gegründeten "Mütterschulen" machen sich diese Erfahrungen zunutze. Durch sie soll eine Radikalisierung von Jugendlichen verhindert werden.

KURIER: Sie haben das Projekt "Mütterschulen gegen Extremismus" ins Leben gerufen. Welche Rolle spielen Mütter im Kampf gegen Extremismus? 

Edit Schlaffer: Der Kampf gegen den Terror wird zu einem Zeitpunkt geführt, an dem er bereits – fast – verloren ist. Genau die Gruppe, die täglich darum kämpft, eine Verteidigungslinie gegen den Extremismus aufzubauen, ist von der internationalen Terrorexpertise bisher übersehen worden: die Mütter. Diese Mütter brauchen Selbstvertrauen und Wissen, um ihre Kinder vor den Verführungen der Rekrutierer schützen zu können.

Mütterschulen gibt es auch in Wien. Warum auch hier?

Die Rekrutierungsmechanismen des IS sind immer dieselben: paradiesische Versprechungen, Überhöhung des Selbstwertgefühls, Aufbau einer persönlichen Bindung – offline und online. Genau hier setzen die Antworten unabhängig von geografischen und kulturellen Gegebenheiten an: die Stimme der Mütter in der Familie stärken, den Jugendlichen zuhören. Die Geheimwaffe: Auf keinen Fall aufgeben, Zuwendung und Zuhören.

In welchem Alter sind Jugendliche besonders gefährdet?

Bisher haben wir in erster Linie mit Müttern von heranwachsenden Jugendlichen gearbeitet, die Altersbeschränkung ist allerdings bereits gefallen. Es ist ganz klar, dass besonders verunsicherte Jugendliche, die nicht rechtzeitig aufgefangen und zurückgehalten werden, leicht ins Fadenkreuz radikaler Ideologien geraten. Von da ist es nur ein kurzer Sprung ins große Abenteuer Syrien, wo sie hoffen, echte Männer sein zu können. Heldenmythen haben eine unwiderstehliche Anziehungskraft.

Welche Warnsignale gibt es?

Kontinuierlich verschlossenes aggressives Verhalten jenseits der üblichen "normalen" pubertierenden Verhaltensweisen. Ablehnung familiärer Routinen. Widerstand gegen westliche gesellschaftliche Übereinkünfte wie Beteiligung an Wahlen, abruptes dogmatisches Ablehnen von Musik, Tanz und Alkohol. In unseren Mütterschulen haben wir erfahren, dass viele der Burschen ihre Mütter anflehen, sich zu bedecken und sie sogar nach Syrien zu begleiten. Immer wieder hören sie den Satz: "Mama ich will dich retten, ich mach das für dich. Folge mir."

Wie ist die Situation in Österreich, wird zu wenig getan?

Es wird vielleicht nicht immer das Richtige getan. Das Infragestellen der sexuellen Apartheid sollte die Grundbedingung für ein Zusammenleben sein. Migrantische Gruppen drücken häufig ihre tiefe Ambivalenz gegenüber unserem westlichen Lebensstil aus. Sie müssen die männerdominierten Regeln ihrer Heimatländer quasi als Übergepäck zurücklassen, sich von der Ideologie der Kontrolle von Frauen distanzieren und den Aufbruch in eine (geschlechter-)demokratische Zukunft wagen.

Gibt es Brennpunkte, in denen vermehrt Präventionsarbeit geleistet werden sollten?

Die Brennpunkte liegen auf der Hand. Dort wo Randgruppen, sprachlich und ethnisch isoliert miteinander leben. Aber das Problem ist mittlerweile überall, am Kölner Domplatz, am Münchner Hauptbahnhof wie die letzten Ereignisse zeigen. Wir müssen mit einer "Ausweitung der Kampfzone" rechnen, wenn wir nicht rechtzeitig die Notbremse ziehen und die bisherigen Konzepte kritisch überprüfen.

Stichwort Köln: Könnte dies auch in Wien passieren?

Der Mann in seiner Rohfassung, von Testosteron und nicht von Verstand angetrieben, wird überall zur Gefahr. Da sind jetzt auch die Männer des Westens gefragt, Flagge zu zeigen. Null Toleranz von sozialer Belästigung bis zu Vergewaltigung. Das muss als elftes Gebot in unseren so genannten abendländischen Verhaltenskodex aufgenommen werden.

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?