Der Tag der vier Päpste in Rom

A general view shows St. Peter's Square during the
Foto: REUTERS/MAX ROSSI Die Heiligsprechung von Johannes Paul II. und Johannes XXIII. erfolgte vor Hunderttausenden Menschen auf dem Petersplatz.

Historische Zeremonie: Franziskus sprach zwei Vorgänger heilig. Benedikt XVI. war Ehrengast.

Das Wunder des schönen Wetters ist leider nicht eingetroffen", bedauerte Paola und spannte ihren gelb-weißen Regenschirm auf. Unter bewölktem Himmel fand gestern, Sonntag, die Doppel-Heiligsprechung der Päpste Johannes Paul II. und Johannes XXIII. statt. Der Ansturm in Rom war mit 800.000 Pilger aus aller Welt riesig. Bereits am frühen Morgen war auf der Via della Conciliazione, der Prachtstraße, die zum Petersdom führt, kein Vorankommen mehr.

Der gebrechlich wirkende emeritierte Papst Benedikt XVI. wohnte der Riesen-Zeremonie bei. Er wurde mit "Benedetto, Benedetto"-Rufen begrüßt. Franziskus umarmte den Ehrengast, der nur noch selten öffentlich auftritt, herzlich. Die zahlreichen Pilger mit polnischen und argentinischen Fahnen sowie Spruchbändern verwandelten den Petersplatz in ein farbiges Menschenmeer. Porträts der beiden neuen Heiligen schmückten beide Seiten der Loggia des Petersdoms.

Riesenandrang im Vatikan: Pilger, Könige, Regierungschefs und Präsidenten haben sich am Sonntag auf dem Petersplatz versammelt, um an der feierlichen Heiligsprechungsmesse für Johannes Paul II. und Johannes XXIII. teilzunehmen. Delegationen aus 93 Ländern wurden vom Präfekten des päpstlichen Hauses, Bischof Georg Gänswein, empfangen. Österreich ist durch Vizekanzler Finanzminister Michael Spindelegger (ÖVP) vertreten. Eine Million Pilger aus aller Welt ist außerdem vertreten. Im Folgenden weitere Eindrücke: Papst Franziskus verkündet die Heiligsprechung am späten Vormittag.

Spindelegger dabei

24 Staatschefs und gekrönte Häupter, zehn Regierungschefs, zahlreiche Minister und 93 internationale Delegationen kamen zu der Heiligsprechung. Anwesend waren auch Polens Präsident Komorowski und Friedensnobelpreisträger Walesa. Auch Vizekanzler Michael Spindelegger wurde von Franziskus mit langem Händeschütteln begrüßt und wechselte angeregt einige Worte mit dem Pontifex.

COPYRIGHT: ORF - Vatikan 27.04.2014 -  Heute nahm … Foto: /COPYRIGHT: ORF Vizekanzler Spindelegger und Franziskus Eine fast surreale Atmosphäre mit großer Stille herrschte während der Predigt auf dem riesigen Platz. Franziskus würdigte Johannes XXIII., Angelo Giuseppe Roncalli, der das Zweite Vatikanische Konzil einberufen hatte, als "vom Heiligen Geist geführter Pastor". Johannes Paul II. sei der "Papst der Familie" gewesen. Franziskus bat die beiden neuen Heiligen um Unterstützung für die Weltkirche.

Reliquien wurden in wertvollen Behältern zum Papstaltar gebracht. Floribeth Mora Diaz aus Costa Rica, deren Spontanheilung die Heiligsprechung beschleunigt hatte, trug eine Reliquie des polnischen Pontifex Karol Wojtyla – eine Ampulle mit seinem Blut – zum Altar. Aufmerksamkeit erregte auch die französische Nonne Marie Simon-Pierre Normand. Ihre Heilung von der Parkinson-Krankheit wurde vom Vatikan als erstes "Wunder" von Johannes Paul II., Karol Wojtyla, anerkannt. 150 Kardinäle, 1000 Bischöfe sowie 6000 Priester aus aller Welt nahmen an der zweieinhalbstündigen Feier teil.

Zu den ersten prominenten Gästen, die der Papst grüßte, zählten der spanische König Juan Carlos und Königin Sofia. Anwesend war auch der umstrittene Präsident von Simbabwe, Robert Mugabe. Der 90-jährige Katholik ist mit einem EU-Einreiseverbot belegt, darf aber den Vatikan besuchen.

Im Morgengrauen warteten bereits Pilgergruppen vor den überfüllten Tiberbrücken in Richtung Vatikan. Darunter auch Pater Peter van Briel mit 50 Jugendlichen aus Münster, die auf einem Campingplatz bei Ostia übernachteten. "Bis zum Petersplatz zu kommen war aussichtslos, da hatten wir gegen die Polen keine Chance", erzählte der Geistliche dem KURIER. Er sei jedoch Massenevent-erprobt: Beim Begräbnis und der Seligsprechung von Johannes Paul II. sei es ähnlich zugegangen.

Zwei heilige Päpste: Fragen und Antworten

Gleich zwei Päpste der Neuzeit werden am Sonntag in den Heiligenstand erhoben: Papst Franziskus spricht mit Johannes XXIII. und Johannes Paul II. zwei seiner Vorgänger heilig. Wie lange es dahin und was es dafür braucht, ist von Fall zur Fall unterschiedlich. Was unterscheidet Selige von Heiligen?
Selige und Heilige gelten in der katholischen Kirche als Vorbilder christlichen Lebens. Ihnen werden Wunder zugeschrieben, die sie durch ihre Fürsprache bewirkt haben sollen. Eine Ausnahme bilden Märtyrer, die für ihren Glauben gestorben sind, etwa die Apostel Petrus und Paulus. Andere bekannte Heilige sind Franz von Assisi oder Hildegard von Bingen, Mutter Teresa wird als Selige verehrt. Was unterscheidet die Heilig- von der Seligsprechung?
Voraussetzung für eine sind also ein Martyrium, heroischer Tugendgrad des Betreffenden sowie im Falle des Nicht-Martyriums der Nachweis eines Wunders. Wer - in den meisten Fällen erst Jahrzehnte nach seinem Tod - seliggesprochen wird, kann in einer Ortskirche oder in einem Orden verehrt werden. Wenn die zweite Etappe erreicht ist, jemand in den "Kanon der Heiligen" aufgenommen wird, kann ihn die ganze Weltkirche verehren. Bis auf ein in aller Regel erforderliches zweites Wunder gibt es dafür jedoch kein neues Verfahren. Warum ging das Verfahren bei Johannes Paul II. so schnell?
Normalerweise dauert es nach dem Tod eines Kandidaten mindestens fünf Jahre, bis das komplizierte Verfahren für die Seligsprechung eröffnet werden kann. Schon Papst Benedikt XVI. machte den Fall seines polnischen Vorgängers zu einem speziellen und verkürzte diese Frist. Franziskus folgte Benedikt in dem Tempo, so dass bei Johannes Paul II. (1920-2005) - dem Wunderheilungen bei zwei schwerkranken Frauen zugeschrieben werden - zwischen Tod und Heiligsprechung nur neun Jahre liegen. Warum wird Johannes XXIII. ohne zweites Wunder heilig?
Weil es Franziskus so will. Denn der amtierende Papst kann allein entscheiden, ob er die Heiligsprechung auch ohne das normalerweise notwendige zweite Wunder anordnet. Franziskus zeigt so vor allem eine besondere Wertschätzung für den "Konzilpapst" Johannes XXIII. (1881-1963). Doch muss auch in einem solchen Fall allgemein ein Ruf der Heiligkeit und Wundertätigkeit gegeben sein. Werden alle Päpste irgendwann heiliggesprochen?
Keinesfalls. Heilige Päpste sind in der katholischen Kirche eher die Ausnahme. Dass jetzt gleich zwei Kirchenführer der Neuzeit in diesen Stand erhoben werden, ist auch ein kirchenpolitischer Akt von Papst Franziskus. Der bisher letzte heilige Papst ist Pius X. (1903-1914), der vor sechs Jahrzehnten in das Heiligenregister aufgenommen worden ist. Schwer tut sich Pius XII., dessen Haltung während des Zweiten Weltkrieges umstritten ist. Sein Seligsprechungsverfahren läuft noch.

Massenansturm

Um fünf Uhr früh wurden die Absperrungen gelöst. Binnen Minuten füllten sich der Petersplatz und die umliegenden Straßen mit rund 500.000 Pilgern. Weitere 300.000 versammelten sich vor Videoleinwänden. Mehr als 100-mal kamen Rettungskräfte ohnmächtig gewordenen Pilgern zu Hilfe.

Bereits Tage vor der Doppel-Heiligsprechung herrschte Jahrmarkt-Stimmung in Rom. Brasilianische Priester zogen singend durch die Altstadt. Johannes-Paul-II.-Anhänger zogen sich T-Shirts mit seinem Konterfei über. Zwei Priesterseminaristen schleppten ein riesiges Bild mit den Porträts der zwei neuen Heiligen durch enge Innenstadtgassen. Geschäftsleute in Rom erlebten die Touristeninvasion als "ein Geschenk des Himmels". "Hätte ich auch für die Toiletten Geld verlangt, hätte ich locker 150.000 Euro eingenommen", scherzte ein Barista in der Nähe des Trevi-Brunnens.

"Panino Wojtyla"

In der Bar Sòppieno im Borgo Pio ließ sich Signora Fabiana ein besonderes Menü einfallen: Panini Wojtyla, Ratzinger, Francesco und Roncalli. "Für Johannes Paul II. wählten wir Prosciutto crudo und Salsa tonnata, für Ratzinger hingegen Würstel und Scamorza", erklärte Fabiana.

Stände und Läden waren übervoll mit Roncallis und Wojtylas Konterfei auf Rosenkränzen, Teetassen, Fahnen und Postern. Doch "Papa Francesco" sei nach wie vor der Verkaufsschlager, freuten sich die Händler.

Auf dem Petersplatz machten indessen Geschichten über Wunderheilungen von Papst Johannes Paul II. die Runde: "Meine Mutter hatte Darmkrebs. Wenige Tage nach dem Tod von Karol Wojtyla konnte kein Arzt mehr ihre Krebserkrankung nachweisen", erzählt ein junger Sizilianer. Angeblich trafen Hunderte Berichte von Spontanheilungen und Wundern, die dem polnischen Papst zugeschrieben werden, im Vatikan ein.

Die Schattenseiten

Von Wundern unbeeindruckt fristeten zahlreiche Obdachlose im Schatten der Kolonnaden inmitten des Trubels auf Kartons und mit Tetrapack-Wein ihr Dasein. Pilger, Ordensschwestern und Priester zogen rasch an den "Sandlern des Papstes" vorbei. "Die Touristen investieren ihr Geld lieber in Souvenirs und Papst-Poster", bedauerte ein bärtiger Mann die ausbleibenden Spenden. Er begnügte sich mit einer Flasche "Acqua Santa di Roma", das kostenlos an Pilger verteilt wurde.

Auch Taschendiebe hatten Hochbetrieb. "Für Einzeltäter, aber auch organisierte Banden, sind Touristen, die sich ahnungslos an Sehenswürdigkeiten erfreuen, ein gefundenes Fressen", warnte ein Carabiniere. Das Sicherheitspersonal wurde auf 10.000 Personen aufgestockt.

Anrainer der "Zona rossa", dem Sperrgebiet rund um den Vatikan, verbarrikadierten sich am Wochenende in der Wohnung. "Menschenmengen drängten sich so dicht vor unserer Haustüre, dass ich es nicht einmal mehr bis zum Bäcker an der Ecke schaffte", sagte Signore Franco leicht resigniert.

(kurier) Erstellt am
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