"Kulluk": Shell-Ölbohrinsel beschädigt

Shell Arctic Drill Ship
Foto: AP/Petty Officer 2nd Class Zachary Painter Die Bohrinsel "Kulluk" ist vor den Kodiak-Inseln havariert.

Die Bohrinsel nahe Alaska weist zwar ein Leck auf, verliert aber vorerst kein Öl. Was nun mit ihr passiert, ist offen.

Die vor der Küste von Alaska auf Grund gelaufene Ölbohrinsel "Kulluk" des Konzerns Royal Dutch Shell ist beschädigt, verliert aber kein Öl. Bergungskräfte hätten berichtet, dass Wellen die Oberseite der Bohrinsel beschädigt hätten, erklärte der Konzern am Donnerstag. Rings um die "Kulluk" sei aber kein Ölfilm zu sehen. Ins Innere sei allerdings Wasser eingedrungen, mehrere Generatoren seien defekt. Wie schwer der Schaden ist und wann die vor den Kodiak-Inseln gestrandete Bohrinsel weggeschleppt werden kann, blieb offen.

Halbe Million Liter Diesel

Die 1983 gebaute "Kulluk" hat mehr als eine halbe Million Liter Diesel und andere Ölprodukte geladen. Sie hatte zur Überholung nach Puget Sound geschleppt werden sollen. Bei stürmischem Wetter riss sich die "Kulluk" jedoch los und trieb zu den Kodiak-Inseln.

Fraglich ist, wie sich der Unfall der "Kulluk" auf das 4,5 Milliarden Dollar (3,47 Milliarden Euro) teure und ohnehin umstrittene Ölförderprogramm des britisch-niederländischen Ölkonzerns vor Alaskas Küste auswirkt. Der Konzern wollte sich dazu zunächst nicht äußern und hofft, dass die Ölbohrinsel binnen weniger Tage geborgen werden kann.

Shell hatte mit seinen Plänen im vergangenen Jahr Umweltschützer und Bewohner der äußerst sensiblen Region gegen sich aufgebracht. Sie befürchten, dass der Konzern die Risiken der Ölförderung im Golf von Alaska unterschätzt.

Bilder

Die schlimmsten Ölkatastrophen

Erst 2010 hatte eine Explosion auf der Bohrinsel "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko eine der schlimmsten Ölkatastrophen der Geschichte ausgelöst. Auch hier war war Erdgas ausgeströmt, bei dem Feuer kamen elf Menschen ums Leben. Zwei Tage nach der Explosion sank die Bohrinsel, und bis zu einer Million Tonnen Rohöl strömten innerhalb der folgenden drei Monate ins Meer. Nach Einschätzungen von Experten wird die gesamte Region noch Jahrzehnte unter den Folgen leiden. Im Golf von Mexiko hatte sich schon 1979 eine der größten Ölkatastrophen der Geschichte abgespielt:  Am 3. Juni explodierte die mexikanische Plattform Ixtoc I. Fast ein Jahr brauchten die Einsatzkräfte, um das Bohrloch zu schließen. 1,4 Millionen Tonnen Rohöl flossen in dieser Zeit aus. Überhaupt war das Jahr 1979 ein schlechtes Jahr für Umweltschützer: vor der französischen Bretagne krachte der Öltanker "Amoco Cadiz" nach einem Ruderdefekt auf einen Felsen. und schlug Leck. 223.000 Tonnen Rohöl liefen aus und verseuchten weite Teile der wilden und unberührten Küste. Das Unglück gilt bis heute als schlimmste Ölpest in Europa. Im gleichen Jahr kam es zum bislang schlimmsten Öltanker-Unfall: Die beiden Tanker "Atlantic Empress" und "Agean Captain" gerieten vor der Küste Tobagos in einen tropischen Sturm, kollidierten und gerieten in Brand. Bis zu 300.000 Tonnen Öl gelangten damals ins Meer.(Im Bild: Öl-Raffinerie der PETROTRI in Tobago) Viele der auf den Weltmeeren fahrenden Öltanker sind hoffnungslos veraltet und immens anfällig für Defekte. So ist etwa die Exxon Valdez, die 1989 vor der Küste Alaskas auf ein Riff auflief, unter anderem Namen bis heute im Einsatz.Beim damaligen Unglück traten 40.000 Tonnen Öl aus und verursachten eine der schlimmsten Umweltkatastrophen der Seefahrt. Mehr als 2.000 Kilometer Küste wurden vom auslaufenden Öl verseucht, hunderttausende Vögel, Fische und andere Tiere verendeten qualvoll. Dass auch schadhafte Pipelines zu Umweltkatastrophen führen können, zeigte sich in Russland. Über viele Jahre floss Öl aus einer der Zehntausend Kilometer langen Leitungen, die Russlands Taiga durchziehen. Als man die Lecks 1994 entdeckte, sprachen offizielle Stellen von 14.000 Tonnen, die ausgeflossen seien. Die Moskauer Nachrichtenagentur Interfax dagegen sprach vom zwanzigfachen. Die schlimmste Ölpest der Geschichte wurde allerdings ganz bewusst ausgelöst:Während des Irakkrieges 1991 setzten irakische Truppen über 700 kuwaitische Ölfelder in Brand. Zudem wurden zahlreiche Lagerstätten bombardiert sowie große Tanks geöffnet, so dass sich gigantische Mengen Öl in den persischen Golf ergossen. Rund eine Million Tonnen Öl verpesteten damals einen Küstenabschnitt von 560 Kilometern Länge. Die brennenden Ölfelder waren sogar vom All aus sichtbar.
Deepwater Horizon

Milliarden-Strafe für Bohrinseleigner

Nach der verheerenden Ölpest im Golf von Mexiko wurde der Bohrinseleigner zur einer hohen Strafe verdonnert.

Gut zweieinhalb Jahre nach der Ölpest im Golf von Mexiko soll der schweizerische Bohrinseleigner Transocean Deepwater Strafzahlungen von 1,4 Milliarden Dollar (fast 1,1 Milliarden Euro) leisten. Wie das US-Justizministerium am Donnerstag in Washington mitteilte, bekannte sich das Unternehmen schuldig, die Gesetzgebung zum Schutz von Gewässern verletzt zu haben. Transocean habe zugleich zugegeben, fahrlässig gehandelt zu haben.

Von den zu leistenden Zahlungen seien 400 Millionen Dollar strafrechtlicher und eine Milliarde Dollar zivilrechtlicher Art, teilte das Ministerium weiter mit. Mit dem Geld aus den Zivilstrafen sollten vor allem die von der Katastrophe betroffenen Gebiete bei der Bewältigung der Folgen der Katastrophe unterstützt werden.

Hunderte Millionen Liter Öl

Die Bohrinsel Deepwater Horizon war am 20. April 2010 explodiert. Bei dem Unglück starben elf Arbeiter, hunderte Millionen Liter Erdöl strömten ins Meer. Insgesamt 87 Tage dauerte es, bis das Leck geschlossen werden konnte. Die Küsten von fünf US-Bundesstaaten wurden verseucht, der Fischfang und der Tourismus an der Golfküste massiv geschädigt.

Bereits Mitte Dezember hatte sich der britische Ölkonzern BP als Hauptverantwortlicher für das Unglück mit der US-Regierung auf Strafzahlungen von insgesamt rund 4,5 Milliarden Dollar binnen sechs Jahren geeinigt. Weitere Rechtsstreitigkeiten zwischen verschiedenen Beteiligten laufen noch. Auch BP verklagte seine Partnerunternehmen Transocean Deepwater und Halliburton.

87 Tage lang floss im Jahr 2010 Öl ins offene Meer: Nachdem eine Explosion die BP-Bohrplattform Deepwater Horizon zerrissen hatte, konnte der Öl-Austritt monatelang nicht gestoppt werden. 800 Millionen Liter sollen es gewesen sein, die in den Golf von Mexiko geschwemmt wurden. Jetzt, zwei Jahre nach der Umweltkatastrophe – eine der schwersten ihrer Art in der Menschheitsgeschichte –, zeigen sich groteske Folgen. Wie die deutsche Zeitschrift Zeit berichtet, sprechen einheimische Fischer von Szenen "wie aus einem Horrorfilm": "Fische und Garnelen mit Geschwüren oder ohne Augen, mit schweren Läsionen am Körper, lebendige Krabben, die durchsichtig sind..." "... Garnelen, die ihre Eier nicht abwerfen können oder deren Panzer aufgeweicht sind; Austern, deren Innereien abgestorben sind", wird ein Fischer dort zitiert. Auch Wissenschaftler sprechen von Mutationen und Deformationen bei Fischen und anderen Meerestieren. Die Schuldfrage will indes niemand gern klar beantworten. "Die chronischen Langzeitfolgen sind noch immer völlig unklar", wird der Biologe Andrew Whitehead von der Louisiana State University zitiert. Er habe in einer Langzeitstudie die Auswirkungen des Öls auf den Zahnkarpfen untersucht – das Resultat sorgt allerdings für Beunruhigung. Vergiftungen und Fortpflanzungsprobleme seien festgestellt worden... ... und Embryonen bräuchten für die Entwicklung deutlich länger als üblich und würden in vielen Fällen mit Herzfehlern geboren. Die Konsequenzen aus den Missbildungen wären weitreichend: Der Zahnkarpfen fungiere nämlich als Ernährungsgrundlage vieler anderer Meerestiere. "Sollte er in seiner Population bedroht sein, wäre das wohl das Schlimmste, was passieren kann", so der Forscher in der Zeit. Auf diese Weise könne sich das Öl durch die Nahrungskette quasi nach oben arbeiten. Auch Kollegen des Forschers haben ähnliche Ergebnisse zutage gefördert. Wissenschafter der Universität von Südflorida etwa hätten in den Nieren vieler Fische Spuren von Ölbestandteilen festgestellt. Und je näher man der Deepwater Horizon, also dem Ausgangspunkt des Ölaustritts, gekommen sei, desto mehr Fische mit Erkrankungserscheinungen hätte man entdeckt: Ihre Zahl habe von drei  auf zehn Prozent des Bestands zugenommen, wird berichtet. Auch die zur Tilgung des Öls eingesetzte Chemikalie – Corexit – soll für die Auswüchse der Katastrophe verantwortlich sein, heißt es. 7,2 Millionen Liter des Lösemittels wurden damals von BP ins Meer gegossen, um das Öl einzudämmen. Bereits vor dem Einsatz der Chemikalie warnten Forscher vor den toxischen Auswirkungen Corexits; in Großbritannien ist das Mittel seit zehn Jahren verboten. Bei Garnelen habe man Spuren des Stoffes in der DNA gefunden – und das, obwohl sich die Tiere bereits in dritter Generation fortgepflanzt haben. Auch äußerlich seien die sich Mutationen unverkennbar: In der Barataria-Bucht würden zum Teil jedem zweiten Exemplar die Augen fehlen, wird Ed Cake, Meeresbiologe in Louisiana und einer jener Experten, die die Küstenbewohner im BP-Prozess beraten, zitiert. Bis sich das Ökosystem von den Folgen der Deepwater-Horizon-Katastrophe erholt habe, würden Jahrzehnte vergehen, so Cake. Während die Wissenschaft sich halbwegs einig ist, womit die Mutationen der Tiere zu erklären sind, bestreite der Ölkonzern BP jeglichen Konnex, so die Zeit. "Sowohl die Gesundheitsbehörde FDA als auch die National Oceanic and Atmospheric Administration, die Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA, hätten bestätigt, dass es heute genauso sicher sei, Fisch oder Meeresfrüchte aus der Region zu essen wie vor dem Unfall", heißt es. Und weiter: "Der Golf sei voll von natürlichen Öl-Lecks, Pipelines und Verschmutzungen - Krankheiten und Missbildungen würden meist von bakteriellen Infektionen oder Parasiten ausgelöst und seien im Ökosystem des Golfes nichts Ungewöhnliches, heißt es deshalb von BP." Die geschilderten Fälle, sage man bei der NOAA, seien „oft nicht mehr als Anekdoten." BP hat indes auch mit den gerichtlichen Folgen der Katastrophe zu kämpfen. 100.000 Personen schlossen sich einer Sammelklage gegen den Konzern an – und strengten einen Prozess an. Um dies zu vermeiden, hat BP mit den Zivilklägern im März dieses Jahres einen Vergleich vor dem Distrikt-Gericht in New Orleans geschlossen. Entschädigungszahlungen von 7,8 Mrd. US-Dollar – etwa 5,9 Mrd. Euro – wurden vereinbart; eine endgültige Einigung steht allerdings noch aus.

(apa/afp / ep) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?