Flüchtlingsdrama vor Lampedusa: 181 Tote

Migrants are seen in a boat during a rescue operat
Foto: REUTERS/HANDOUT Migranten auf einem Boot Richtung Europa (Archivild)

"Wie Tiere gestapelt": Auf einem Flüchtlingsboot starben 181 Menschen – viele sollen erstochen worden sein.

Kinder, die von Meereswellen verschluckt werden; ein völlig überfülltes Holzboot, kurz bevor es kentert; Hunderte Menschen, die sich verzweifelt am Bug festhalten und um Hilfe rufen; ein lautes Geschrei um Leben und Tod – diese dramatischen Bilder von der jüngsten Flüchtlingstragödie vor der Insel Lampedusa sind auf einem Video der Tageszeitung La Repubblica zu sehen.

Und die Opferzahl des Dramas ist weit höher als bisher angenommen: Zunächst war von 30 Toten die Rede gewesen – laut Augenzeugen dürften aber mindestens 181 Menschen am Wochenende ums Leben gekommen sein. Eine offizielle Bestätigung steht noch aus. "Es waren sicher 749 Menschen auf dem Schiff", berichteten Überlebende. Nur 568 konnten sich retten, die restlichen sind tot. "Dutzende Menschen ertranken, darunter auch viele Kinder, als wir uns dem Tanker näherten, der uns zu Hilfe kam", berichteten Überlebende, die am Sonntag an Bord des dänischen Tankers "Torm Lotte" in der sizilianischen Hafenstadt Messina eintrafen. Das Boot selbst wurde nach Malta geschleppt. Im Rumpf wurden zahlreiche Leichen entdeckt.

Lampedusa: Eingangstor für Flüchtlinge

Zwischen Malta und Tunesien gelegen, geografisch zum afrikanischen Kontinent gehörend und von der sizilianischen Küste 215 Kilometer entfernt: Lampedusa ist Jahr für Jahr für Tausende Flüchtlinge das Tor zu Europa. Bis zur nordafrikanischen Küste sind es von dort nur 138 Kilometer – die Asylsuchenden kommen von dort mit Booten angereist. Die höchsten Flüchtlingszahlen auf Italiens südlichster Insel gab es während des Arabischen Frühlings 2011: Fast 48.000 Migranten trafen damals auf Lampedusa ein. Die Hälfte davon waren Emigranten aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara - darunter Kriegsflüchtlinge aus Äthiopien und Somalia, die zuvor in Libyen lebten. Die andere Hälfte stammte aus Tunesien. In der "Festung Europa" ist Lampedusa zur ersten Eingangstür für Flüchtlinge aus Afrika geworden. Unter Lebensgefahr überqueren sie in alten Kähnen und hoffnungslos überfüllten Schlauchbooten das Mittelmeer - oft tagelang und manchmal ohne Wasser und Nahrungsmittel an Bord. Viele ertrinken, die genaue Zahl liegt im Dunkeln. Schätzungen zufolge sollen in den vergangenen 20 Jahren 20.000 Menschen dort den Tod gefunden haben. Das 6.000-Seelen-Eiland, das von Fischfang und Tourismus lebt, bietet den Ankömmlingen keinerlei Perspektive. Für die Flüchtlinge zählt allein, dass sie in Lampedusa europäischen Boden betreten. Was sie antreibt, ist die Hoffnung, ein Asylgesuch stellen zu können, irgendwie durch die Maschen des Netzes zu schlüpfen, schwarz zu arbeiten oder in eine anderes europäisches Land zu gelangen. Die Migranten werden mit Fähren zu Auffanglagern auf dem italienischen Festland gebracht, bevor sie ausgewiesen werden, andere landen in Zentren für Asylbewerber. Auch der Papst machte auf die Tragödien aufmerksam - Franziskus' erster Besuch galt Lampedusa.

 

"Alles sinnlos"

Die Flüchtlinge stammen aus Syrien, Nigeria, Ghana und Pakistan. Totale Erschöpfung, Verzweiflung und Trauer spiegeln sich in den Gesichtern der Überlebenden, die in der Schule Pascoli in Messina untergebracht wurden. Auch die Eltern des dreijährigen Mohamed, der vor ihren Augen in den Meeresfluten ertrank, sind darunter. "Wir sind aus Syrien geflüchtet, um vor allem Mohamed eine Zukunft zu bieten. Jetzt ist alles sinnlos", so das verzweifelte Ehepaar. Neben ihnen trauert ein 40-jähriger Syrer ebenfalls um seinen Sohn und seine Ehefrau, die die Überfahrt nicht überlebten.

Auf dem sinkenden Boot sollen sich kriegsähnliche Szenen abgespielt haben. Kurz nach der Abfahrt aus Libyen brach ein Streit an Bord aus. Viele wollten aufgrund der schlechten Bedingungen an Bord wieder umkehren, während andere unbedingt weiterfahren wollten.

"Jeder Zentimeter an Bord war besetzt; Frauen, Männer und viele Kinder waren wie Tiere gestapelt", erzählt ein Überlebender. Die im Lagerraum gefundenen toten Migranten seien nicht wie anfangs vermutet erstickt, sondern wurden erstochen oder erschlagen, nachdem sie offenbar versucht hatten, auf das völlig überfüllte Deck zu gelangen.

Laut einem Flüchtling aus Syrien hätten sich die Afrikaner, die im Rumpf untergebracht waren, gegenseitig erschlagen. Andere Augenzeugen berichten von Schleppern, die bis zu sechzig Männer und Frauen erstochen und zum Teil ins Meer geworfen hätten.

Auch in der Vergangenheit häuften sich Berichte, wonach Schlepper Afrikaner besonders schlecht behandeln, da sie weniger Geld für die Überfahrt zahlen. Die italienische Polizei verhaftete am Dienstag die fünf mutmaßlichen Schlepper, die versuchten, sich Richtung Norden abzusetzen.

Nach Angaben des italienischen Innenministeriums kamen seit Jahresbeginn 84.000 Flüchtlinge in Süditalien an. 2013 waren es laut UNHCR noch 42.925 gewesen. 2012 lediglich 13.200.

Reportage

Hunderte Bootsflüchtlinge täglich überfordern Italien

Laut Innenministerium in Rom wird heuer die Zahl der Neuankömmlinge erstmals 100.000 übersteigen. Für viele endet die Überfahrt tödlich.

In this photo released by the Italian Navy on Mond…
Foto: AP

In der süditalienischen Hafenstadt Messina prallten am Wochenende zwei Welten aufeinander: Während sich Urlauber am Strand sonnten und im Meer surften, hatten wenige Hunderte Meter entfernt syrische Flüchtlinge einen Überlebenskampf auf hoher See hinter sich. Vor dem Strand Paradiso im Zentrum der Stadt ankerte der dänische Öltanker "Torm Lotte". An Bord befanden sich 400 Syrer, die auf der Überfahrt von Libyen nach Süditalien gerettet wurden.

Während bei den Überlebenden der jüngsten Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer die Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufkeimt, trauert eine Mutter um ihren einjährigen Sohn, der die Überfahrt nicht überlebte. Für Dutzende weitere Menschen kam die Rettung ebenfalls zu spät, mittlerweile ist die Opferzahl auf 181 angestiegen. Ihre Leichen wurden nach Malta transportiert.

Da der Tanker aufgrund seiner Größe nicht im Hafen einlaufen konnte, mussten die Flüchtlinge mit Schleppbooten der Küstenwache an Land gebracht werden. Die Badegäste verfolgten die Rettungsarbeiten. Doch nicht alle zeigten Verständnis. "Wie traurig", sagte eine Frau aus Messina und rückte ihr Badetuch zurecht: "Italien hat aber selbst genug Probleme."

"Todesdreieick"

Die Arbeitslosenzahlen sind in Süditalien extrem hoch, die Wirtschaft liegt am Boden. Diese Tatsache ist auch den syrischen Flüchtlingen bekannt, die Italien ohnehin nur als Durchgangsstation betrachten.

Die Zahl der Asylanträge im Land ist rückläufig. Das italienische Fernsehen bezeichnet die tägliche Opferstatistik aus dem "Triangolo della morte" – dem "Todesdreieck" – zwischen Libyen, Tunesien und Lampedusa als Kriegsberichte.

Gute Wetterbedingungen und ruhige See lassen die Abfahrten der Flüchtlingsboote aus Libyen rasant ansteigen. Sechs Marineschiffe und mehrere Helikopter sind im Dauereinsatz, um die bisher massivste Flüchtlingswelle der vergangenen Jahre zu bewältigen. Allein am Freitag hat die Marine binnen 12 Stunden im Rahmen der Rettungsaktion "Mare Nostrum" 1771 Personen vor der sizilianischen Küste in Sicherheit gebracht.

Laut Statistik der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind seit Anfang 2014 bis Mitte Juli 67.000 Flüchtlinge in Italien eingetroffen. Das italienische Innenministerium spricht von 84.000 Menschen.

Der Großteil der Männer, Frauen und Kinder stammt aus Eritrea und Syrien. Die Regierung geht davon aus, dass die Zahl auf ein Rekordhoch von 100.000 ansteigen wird. Premier Matteo Renzi hat erneut an die EU appelliert, Italien zu unterstützen.

Als erste Anlaufstelle ist Sizilien besonders betroffen. Die Auffanglager sind überfüllt. Schulen und Kasernen haben ihre Türen geöffnet, um die Menschen kurzfristig unterzubringen. Eine Luftbrücke nach Venedig und Triest wurde eingerichtet.

Norden ziert sich

Die norditalienischen Regionen Veneto und Friaul haben sich bisher geweigert, ausreichend Flüchtlinge aufzunehmen. Rechtsextreme Lega Nord-Politiker steigen auf die Barrikaden: "Wir wollen kein zweites Lampedusa im Norden."

Tausende Migranten sind auf dem Weg nach Norditalien, der Großteil davon in die Lombardei. In Bologna wurde ein aufgelassenes Flüchtlingslager wieder für 200 afrikanische Flüchtlinge geöffnet.

(Kurier) Erstellt am
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