Die echte Lügenpresse gibt’s im Netz

Baergida demonstration in Berlin
Foto: EPA/KLAUS-DIETMAR GABBERT Demo: Russlanddeutsche gingen wegen einer angeblichen Vergewaltigung auf die Straße

Tote Flüchtlinge, erfundene Vergewaltigungen: Wieso Gerüchte in sozialen Medien die beliebteren Nachrichten sind.

Ein toter Flüchtling vor dem Berliner Asyl-Amt, gestorben durch die Untätigkeit der Behörden. Ein von Ausländern vergewaltigtes Mädchen, dessen Fall nie in den deutschen Nachrichten auftaucht. Und darüber hinaus die Geschichte von dem Flüchtling, der eine Fünfjährige verspeist hat – bei lebendigem Leibe.

Alles wahr? Oder falsch?

Das Internet quillt über vor Meldungen wie diesen. Auf Facebook und Twitter, in Blogs, auf Nachrichtenseiten, die so aussehen, als würden sie echte Nachrichten verbreiten – allerorts kann man derzeit nachlesen, was die "Lügenpresse" verschweigt. Seit Beginn der Flüchtlingskrise hat sich die Menge an solchen Falschmeldungen und bewussten Instrumentalisierungen deutlich verstärkt – gut merkbar war dies nach der Silvesternacht in Köln, wo plötzlich Tausende Migranten über Tausende Frauen herfielen, oder eben bei den oben zitierten Fällen.

Jenen toten Flüchtling, den eine Hilfsinitiative jetzt medienwirksam beklagt hat – er sei durch das lange Anstehen vor dem Flüchtlings-Amt erkrankt und verstorben –, hat es allerdings nie gegeben, er entsprang der Fantasie eines Helfers. Ähnlich verdreht ist die Geschichte jener 13-jährigen Russlanddeutschen, die stundenlang von Migranten vergewaltigt wurde: Nur russische Medien berichteten über den Fall, stets mit dem Hinweis, dass die Deutschen Informationen bewusst zurückhielten, sogar Russlands Außenminister Lawrow fühlte sich zu einer Kritik bemüßigt. Allein: Das Mädchen wurde laut Polizei nie vergewaltigt.

Filterblase

Beide Geschichten illustrieren gut, wie Gerüchte im Netz funktionieren – sie halten sich weit besser als "echte" Nachrichten. Das liegt zum einen an der Funktionsweise sozialer Medien – sie liefern dem Nutzer immer nur jenen Ausschnitt der Wirklichkeit, den er selbst präferiert, und nie ein vollständiges Bild. "Filterblase" nennt der US-Autor Eli Pariser dieses Phänomen; wem ein Mal ein islamkritischer Beitrag gefällt, bekommt immer wieder Ähnliches angezeigt.

Zum anderen liegt es an den Nutzern selbst, dass Gerüchte sich so lange halten. Sie fallen gern auf solche Geschichten rein, weil sie bestehende Vorurteile bedienen – die Wahrheit muss gewissermaßen der Wut weichen – Gerüchte tauchen schließlich meist dann auf, wenn Menschen sich bedroht fühlen. "Die Nutzer haben eine gewisse Grundangst, was die Asylproblematik betrifft und diese wird durch ,Fakes‘ oder falsche Behauptungen auf irgendeine Art und Weise bestätigt", sagt auch Tom Wannenmacher, der Betreiber des Webportals mimikama.at. Er spürt dort allen möglichen Behauptungen nach und versucht sie zu widerlegen – was ihm ziemlich oft gelingt.

Großer rechter Radius

In letzter Zeit, so bestätigt er, werden halbwahre Geschichten auch gern aus politischen Motiven verbreitet. Zwar gebe es auch Falschmeldungen aus dem linken Lager, aber viele der Horror-Meldungen hätten ihren Ursprung im rechten Spektrum – das liegt auch an der großen Netz-Präsenz: In Deutschland hat die NPD neben der AfD die meisten Facebook-Likes. Vergrößert wird ihr Radius noch, indem sie russische Quellen zitieren – und umgekehrt: Russia Today und Sputnik, die internationalen Arme des Propaganda-Sender Rossija Segodnja, verbreiten gern verzerrte Nachrichten über Deutschland, um das politisch opportune Bild des verderbten Europa zu zeichnen.

Dass diese Halbwahrheiten länger überleben als ihre Dementis, hat wiederum mit der viel zitierten "Lügenpresse" zu tun. Jede Korrektur gilt als neuer Beweis dafür, dass nicht nur verheimlicht, sondern dass gelogen wird – obwohl es sich andersrum verhält. Dies wird oft mit dem Hinweis "googeln Sie doch einfach" versehen; danach folgt die Selbstbestätigung: Die halbwahre Geschichte findet sich vielfach im Netz, eine Quellenprüfung gibt es nicht.

Übrigens: Ein hübsches Beispiel dafür ist die eingangs zitierte Geschichte des Flüchtlings, der eine Fünfjährige verspeist hat. Sie kursiert als Horrormeldung im Netz, obwohl sie eigentlich als Persiflage gemeint war: Erfunden hat sie nämlich das Satireportal Der Postillon.

Interview

"Es gibt ein Muster, das immer wieder kommt"

Tom Wannenmacher geht auf mimikama.at Gerüchten und Fakes auf den Grund.

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Foto: Barbara Wirl

Gibt es sowas wie "beliebte" Gerüchte, also Geschichten, die euch immer wieder unterkommen?

Tom Wannenmacher: Ja diese gibt es. Zum einen sind es sehr oft Kettenbriefe die Jahrelang bereits unterwegs sind. Um einige zu nennen: WhatsApp Kettenbriefe
An der Tankstelle tankt eine frau Ihr Auto...Organhändler. Aber auch Gerüchte zum Thema „Flüchtlinge“ sind aktuell immer wieder vorhanden (Frau wegen christlichen Glaubens hingerichtet, muslimischer Asylant schneidet Frau den Kopf ab, lieber sexuell hyperaktive Flüchtlinge als deutsche Rassisten).

Könnt ihr oft die Quellen für die Geschichten eruieren?

Ja das können wir. Im Laufe der Jahre, Mimikama gibt es knapp 5 Jahre, haben wir ein Muster erkannt, das immer wieder kommt. Meist hat der „Bekannte“ der „Nachbarin“ oder deren „Sohn“ gehört, dass in irgendeinem „Ort“ jemand wahrscheinlich was gemacht hat. Meist wurde auch die Polizei informiert und man soll, egal was passiert, seine Kinder schützen.

Gibt es dabei Hinweise, dass viele Geschichten aus rechten Spektrum kommen?

Ja definitiv. Wobei auch aus dem Linken Lager gerne mal was verbreitet wird. Die „Mitte“, die es im Moment fast nicht mehr gibt, ist hin- und her gerissen und kennt sich im Moment gar nicht mehr aus.

Spielen russischen Medien eine Rolle in der Verbreitung?

Ja, jetzt offensichtlich und dies nachweislich. Wobei diese immer schon da waren. Als Beispiel kann man da die Facebookseite „Anonymus. Kollektiv“ nennen, die fast 1,800.000 User hat. Die beziehen sich immer wieder gerne auf „Russia Today". 

Oft sind die Fakes ja klar erkennbar - wieso fallen Leute dennoch drauf rein?

Wenn wir das wüssten, dann hätten wir wahrscheinlich ein „Rezept“ dafür, dass dies nicht mehr passiert. Aber im Prinzip ist es so, dass viele Nutzer einer gewisse Grundangst haben, was die Asylproblematik betrifft und diese wird durch „Fakes“ oder falsche Behauptungen auf irgendeine Art und Weise bestätigt. Anders verhält es sich z.B. bei Fakes-Gewinnspielen auf Facebook (siehe hier). Obwohl der Nutzer weiß, dass es sich um einen Fake handelt, so möchte er zumindest für wenige Minuten das Gefühl haben, dass er einmal bei etwas vielleicht „Glück“ hat.

Habt ihr den Eindruck, dass die Behörden richtig auf die Falschmeldungen reagieren?

Das Wort „Behörden“ ist sehr weitläufig. Und man kann dies nicht verallgemeinern. Es gibt einige Polizeistellen, die mittlerweile auch das Medium Facebook dafür nutzen um auf Fakes hinzuweisen. Andere Behörden jedoch sind mit dieser Flut an Anfragen überfordert. Im Hintergrund jedoch tut sich mittlerweile im Allgemeinen doch sehr viel und man hört nahezu jeden Tag, dass Facebook-Nutzer für das Verbreiten von Fakes auch verurteilt werden.

(Anmerkung: Das Interview wurde per Mail geführt). 

(kurier) Erstellt am
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