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Falsch verstandene Tierliebe: "Wird ein Welpe gekauft, wird der nächste nachproduziert“, sagt Buchautorin Gerda Melchior.
Falsch verstandene Tierliebe: "Wird ein Welpe gekauft, wird der nächste nachproduziert“, sagt Buchautorin Gerda Melchior. - Foto: Vier Pfoten

Letztes Update am 24.02.2013, 08:00

Das Netz der Welpenmafia. Das Geschäft mit der Ware Hund verursacht Leid bei Tier und Mensch.

Ich verkaufe ...“, steht unter einem Foto eines Chihuahua auf der Internet-Plattform. Neun Wochen „allt“, „geimft“, „mit chip“ und „super Charakter“, fasst der Inserent in holprigem Deutsch auf zwei Zeilen zusammen. Das wichtigste Verkaufsargument sind die Bilder des putzigen Jungtiers, das dem Betrachter verschlafen entgegenblickt.

Ein Anruf, ein Versuch. Die Dame am Telefon erklärt die Spielregeln: „300 Euro“, vielleicht „20 weniger“, Abholung ab Haus. „Wann?“


Der Handel mit Welpen aus osteuropäischen Farmen blüht – vor allem übers Internet. Rund 90 Prozent der Geschäfte in Österreich werden laut der Tierschutzorganisation Vier Pfoten im World Wide Web angebahnt. Auf den drei größten Verkaufsplattformen sind rund um die Uhr per Mausklick geschätzte 20.000 Vierbeiner zu haben. „80 Prozent davon werden illegal angeboten“, sagt Christina Bielowski, Kampagnen-Leiterin von Vier Pfoten.

Accessoire Hund

Welpenhandel, Welpen, Tiere, Zucht, Tierquälerei, …
Hunde werden mit Hormonen gefüttert - Foto: Hansanord Verlag
Rechtlich gesehen sind Hunde eine Sache. Wer einen Hund mit dem Auto niederfährt, begeht eine Sachbeschädigung. In der Konsumgesellschaft ist selbst dieser Warenfetisch steigerbar: Die Tiere signalisieren Status, sind modisch und „in“. Vor allem Kleinrassen sind derzeit en vogue. Das schafft zusätzliche Nachfrage, auf die sich die Angebotsseite mit einem lukrativen Geschäftsmodell eingestellt hat: Einen europaweiten Welpenhandel, auf Kosten der Tiere – aber auch ihrer Besitzer. Schwer mache es ihnen der Gesetzgeber nicht, sagt Bielowski: „Die Gewinnspanne ist beträchtlich, das Risiko gering. Würde ich mich für illegale Geschäfte entscheiden, würde ich auch zu Welpen greifen.“ Zumeist riskieren Händler nur Verwaltungsstrafen. Anzeigen wegen Tierquälerei sind sehr selten.

Soeben ist das Buch „Die Welpenmafia. Wenn Hunde nur noch Ware sind“ in den heimischen Handel gekommen. Es zeichnet den Weg von den verdreckten Ställen in Osteuropa bis in heimische Wohnzimmer nach. Material steuerte Vier Pfoten bei. Autorin Gerda Melchior: „Ein Käufer hier sieht das Elend in den Vermehrerstationen nicht.“ Die Muttertiere seien „arme Wesen, ausgemergelt, voller Geschwüre und permanent trächtig“, auch wegen hormonversetzten Futters.

Ahnungslose Käufer

Tierarzt Martin Gasperl, Tierschutz, Veterinärmedi…
Tierarzt Martin Gasperl hat in den vergangenen 20 Jahren viele Tiere leiden und sterben sehen - Foto: Nihad Amara
Szenenwechsel: Tierarzt Martin Gasperl, 60, geht wie eine nervöse Raubkatze auf und ab, während er über das Thema Welpenhandel erzählt. Zig kranke Jungtiere landeten in den vergangenen 20 Jahren in seiner Praxis in Wien-Mariahilf, sie litten, viele starben. „So wie die Leute Hunde kaufen“, sagt er, „so würde ich nicht einmal ein Fahrrad erwerben.“ Auf Parkplätzen, ohne den Züchter namentlich zu kennen, ohne Rechnung. Zumeist sind die Tiere mutterlos aufgewachsen und später sozial auffällig; zudem nicht entwurmt, nicht geimpft. Letzteres ist oft ihr Todesurteil. Und sie würden Krankheiten einschleppen, wie etwa die Hundestaupe, „die wir in Österreich nicht mehr gekannt haben“. Gasperl breitet einen Stapel von Impfpässen aus: Sie sind entweder gefälscht oder haben einen Blanko-Stempel eines Veterinärs. „Ich musste leider feststellen, dass auch Tierärzte mit dieser Mafia kooperieren.“

Die Rechnung mit den billigen Hunden gehe nie auf, erzählt Gasperl: Unterm Strich kämen zur günstigen Anschaffung noch immense Arztkosten hinzu, sofern das Tier überhaupt überlebe.

Solche Warnungen gehen ins Leere. Die „Hundedealer“, wie Gasperl sie nennt, werden immer gewiefter. „Unter dem Deckmantel des Tierschutzes“, getarnt als karitative Einrichtung, werden „angeblich aus einer Tötungsstation gerettete Tiere“ gegen eine „Schutzgebühr“ verkauft.

Vorschläge, um den Welpenhandel trockenzulegen, gibt es: Vier Pfoten fordert eine europaweite Chip- und Registrierungspflicht und einen eigenen Straftatbestand.

Autorin Melchior setzt auf Aufklärung: „Es ehrt jeden Menschen, dass er Mitleid mit einem Lebewesen hat.“ Es sei aber der falsche Ansatz. „Wird einer gekauft, wird der nächste nachproduziert.“

Buchtipp: Christopher Posch, Gerda Melchior, Volker Schütz: Die Welpenmafia – Wenn Hunde nur noch Ware sind; 244 Seiten, hansanord Verlag; 20,60 Euro

(kurier) Erstellt am 24.02.2013, 08:00

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