Im AMS liegen öfter die Nerven blank

POLIZEI DURCHSUCHTE KLAGENFURTER AMS NACH WAFFEN -
Foto: APA/GERT EGGENBERGER 68-mal wurde die Polizei vergangenes Jahr von AMS-Mitarbeitern wegen aggressiver Kunden gerufen. Bedrohliche Zwischenfälle gab es deutlich mehr.

1400 Zwischenfälle bei Vorsprachen in einem Jahr: AMS verstärkt nun die Sicherheitsvorkehrungen.

Die Arbeitslosigkeit steigt – gleichzeitig häufen sich die Gewalttaten in den AMS-Ämtern. Das geht aus der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage an Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) hervor.

Allein im Jahr 2012 kam es österreichweit zu knapp 1400 bedrohlichen Situationen. 68-mal musste die Polizei eingeschaltet werden. Erst vor wenigen Wochen gab es in der Regionalstelle Linz zwei Säure-Anschläge, bei denen fünf Personen mit Atembeschwerden ins Spital eingeliefert werden mussten.

Die meisten Übergriffe, bei denen die Exekutive gerufen wurde, passierten laut Anfrage-Beantwortung in Oberösterreich. Dort musste die Polizei 22-mal wegen Gewaltanwendungen gegen AMS-Personal ausrücken. Gefolgt von Wien mit 17 Vorfällen. Österreichweit wurden 17 gerichtliche Strafanzeigen eingeleitet. In sechs Fällen musste ein Hausverbot verhängt werden.

Stadt-Land-Gefälle

Auffallend ist, dass in den Bundesländern deutlich mehr Zwischenfälle (ohne polizeilichen Einsatz) verzeichnet wurden als in der Bundeshauptstadt: Das Land Tirol zeigt sich als Spitzenreiter – mit insgesamt rund 500 Vorfällen. Danach folgt die Steiermark mit etwa 350. In Oberösterreich waren es 220 Zwischenfälle, in Niederösterreich 207. Im Gegensatz dazu wurden in Wien „nur“ 14 körperliche Angriffe und 43 gefährliche Drohungen vermerkt.

Dieses Missverhältnis könnte aber mit der unterschiedlichen subjektiven Wahrnehmung der AMS-Mitarbeiter zu tun haben. So herrsche in den urbanen Zentren tendenziell ein raueres Klima, die Mitarbeiter seien dadurch schon abgehärtet, heißt es beim AMS Wien.

Anton Kern vom AMS Tirol bestätigt diese These: „Bedrohungen sind bis vor ein paar Jahren in Innsbruck noch gar kein Thema gewesen.“ Daher seien die dortigen Mitarbeiter solche Beschimpfungen nicht gewohnt und reagierten dementsprechend sensibler.

Die Gereiztheit der Kunden stößt beim Arbeitsmarktservice teilweise auf Verständnis. „Die Leute holen hier ja nicht einfach die Bewilligung für den Dachbodenausbau ab“, sagt ein Sprecher des Wiener AMS. Es gehe um die Sicherung der eigenen Existenz. „Daher ist es verständlich, dass manchmal die Nerven blank liegen.“ Im Allgemeinen sei die Zahl der tätlichen Übergriffe aber überschaubar. „Aschenbecher fliegen nur ganz selten durch die Luft, Fäuste so gut wie nie.“

Maßnahmen

Trotzdem werden die Maßnahmen zum Schutz der Mitarbeiter verstärkt. Securitykräfte sind mittlerweile in fast allen Zweigstellen vor Ort. Zusätzlich wird das Personal in den Bereichen Konfliktmanagement und deeskalierender Gesprächstechnik geschult. Auch bei der Ausstattung der Filialen steht die Sicherheit im Vordergrund. Transparente Türen und Notfallknöpfe ermöglichen schnellere Hilfeleistung. Außerdem hat das AMS ein Terminsystem eingerichtet. Unangemeldet kommt niemand mehr dran. So können Führungskräfte oder zusätzliche Mitarbeiter bei potenziellen Problemfällen anwesend sein.

Im internationalen Vergleich sei die Gewaltbereitschaft aber immer noch relativ niedrig, heißt es beim AMS. Im Jahr 2012 nahmen rund 900.000 Personen, die Dienste des AMS in Anspruch. Gut 67 Prozent der betreuten Arbeitslosen zeigten sich laut einer Befragung mit dem AMS zufrieden.

Link: Sicherheitsprobleme im AMS - Parlamentarische Anfrage

Interview

"Manchmal werden Stühle oder Stifte geworfen“

Gerald Mosser (50) ist seit fünf Jahren AMS-Geschäftsstellenleiter in Wien-Favoriten. In dieser Regionalstelle betreuen 120 Mitarbeiter jährlich rund 14.000 Kunden. Nicht alle Gespräche laufen friedlich ab.

KURIER: Wie äußert sich die Aggressivität der Arbeitslosen?
Gerald Mosser: Offene Gewalt gibt es bei uns zum Glück nicht wirklich. Keiner der Kollegen wurde bis jetzt verletzt. Allerdings kommt es immer wieder zu Situationen, in denen Stühle oder Stifte geworfen werden.

Steigt die Gewaltbereitschaft?
Diesen Eindruck habe ich. Vor zehn Jahren sah die Situation noch ganz anders aus. Mittlerweile sind in etwa ein Prozent der Arbeitsuchenden, die wir betreuen, Problemkunden.

Wie erklären Sie sich diesen Wandel?
Das Verhalten der Menschen gegenüber den Behörden hat sich verändert. Der Respekt gegenüber den Mitarbeitern ist gesunken.

Wie haben Sie auf die zunehmenden Vorfälle reagiert?
Wir haben die Präsenz der Securitys verstärkt. Seit vergangenem Jahr ist ein Mann rund um die Uhr vor Ort. (Davor war ein Security nur zu den sehr stark frequentierten Zeiten anwesend, Anm.)

Gibt es weitere Maßnahmen?
Ja. Die größten Probleme treten auf, wenn ein AMS-Berater eine Geldsperre verhängen muss. Wenn so ein Termin ansteht, dann ist eine Führungskraft oder ein Security-Mann bei dem Gespräch dabei.

Was, wenn es doch einmal zu einer Gewalttat kommt?
Dann gibt es Psychologen, mit denen die Berater über ihr Erlebnis sprechen können. Eine Angebot, das ich stark unterstütze.

Ist es heuer schon zu einem Vorfall gekommen?
Dieses Jahr ist es noch zu keinem Zwischenfall gekommen. Ich habe allerdings auch das Gefühl, dass ich mich im Laufe der Jahre an die Vorfälle gewöhnt habe.

(kurier) Erstellt am
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