Flugsicherung: Protokoll zweier Störangriffe

Tower der Austro Control in Schwechat.
Foto: APA Das zivile Flugradar ist mehrere Male ausgefallen.

Ausfall des zivilen Flugradars führte zu "essenzieller Gefährdung" für die Luftfahrt.

Während man bei den Flugsicherungszentralen bemüht ist, die Auswirkungen des wiederholten Ausfalls der Radaranlagen als harmlos darzustellen, kommt eine militärische Analyse für die Bundesregierung und den Bundespräsidenten, die dem KURIER vorliegt, zu einer wesentlich dramatischeren Beurteilung: "Für die zivile Flugsicherung stellt dieses Szenario ein katastrophales Ereignis dar."

Wie berichtet, wurden vermutlich per Störsender vergangenen Donnerstag und Dienstag das Flugsicherungsradar in Wien, Bratislava, Prag und Karlsruhe zeitweilig blockiert. Die Vorfälle wurden zuerst von der Austro Control in Wien bestätigt. Dem KURIER wurden nun auch seitens der deutschen Flugsicherung die Zwischenfälle bestätigt. Dass es zu keinen Kollisionen kam, ist den Fluglotsen zu verdanken. Sie leiteten den Luftverkehr während des Ausfalles sozusagen "blind" per Sprechfunk.

Störaktion

Die europäische Flugsicherheitsagentur EASA und die Eurocontrol versuchen, den Verursacher der Systemstörung zu ermitteln. Im Hintergrund wurde eine irrtümliche Störaktion der NATO vermutet. Deshalb sind nun auch bei der NATO bereits vier Lufteinsatzstäbe in die Angelegenheit involviert.

Dem KURIER liegt nun auch ein exaktes Protokoll beider Luft-Zwischenfälle vor. Beim ersten Blackout am Donnerstag wurde durch die Flugsicherung Karlsruhe das Zentrum für Luftoperationen der NATO (Combined Air Operations Centre Uedem, CAOC) in Üdem in Nordrhein-Westfalen über "Störungen im Zivilluftverkehr" informiert. Auch die Luftverkehrszentralen Wien, Prag und Bratislava meldeten Ausfälle. Die NATO-Offiziere in Üdem vermuteten als Verursacher sofort eine Übung für elektronische Kampfführung in Ungarn, von der sie auch selbst erst kurz zuvor erfahren hätten. Dort soll das elektronische Stören von Fliegererkennungssystemen (Transponder) geübt worden sein.

Nur die zivilen Fluglotsen in Budapest erklärten, dass sie nicht betroffen wären, weil sie "vorgewarnt" worden seien. Von wem und warum, war nicht zu erfahren.

Die Auswirkungen laut Analyse des Militärs: "Die Flugsicherheit im betroffenen Raum war während des Störeinsatzes drastisch herabgesetzt." Das bedeutete dringenden Handlungsbedarf für die NATO. Es wurde vereinbart, dass das Lufteinsatzzentrum in Üdem und die Führungsstäbe in Spanien (Torrejon) und in Budapest in engen Kontakt treten, um im Wiederholungsfall sofort zu intervenieren und notfalls auch eine Übung unterbrechen zu können.

Zweites Blackout

Der Wiederholungsfall trat nur wenig später am Dienstag um 13.30 Uhr ein: Wieder verschwanden Flugzeuge von den Radarschirmen – diesmal in Wien, Prag, München und Karlsruhe. Die Störung dauerte bis 15 Uhr. Die vereinbarte Intervention der NATO-Stäbe gegen den in den eigenen Reihen vermuteten Störsender kam nicht zustande. Das Luftoperationszentrum in Üdem teilte mit, dass keine Übung im betroffenen Gebiet stattgefunden habe. Diesmal waren nur Flugzeuge in großer Höhe betroffen. Doch auch das ist laut Analyse dramatisch genug: "Lückenhafte bis streckenweise keine Darstellung ziviler Luftfahrzeuge auf den Radarschirmen der zivilen Flugsicherung. Dadurch kam es zu einer essenziellen Gefährdung der zivilen Flugsicherung."

Jetzt herrscht Ratlosigkeit. Denn zu einem elektronischen Angriff auf die Transponder wären nur Mächte wie USA, Russland, China und Indien mit ihren Satelliten fähig. Die zweite technische Möglichkeit wäre ein Cyberangriff auf den Datenverbund der Empfangsanlagen am Boden. Beide Fälle müssten als Katastrophe bezeichnet werden. Alle Beteiligten hoffen nun, dass doch noch ein übereifriger Elektronik-Krieger der NATO als Verursacher ausfindig gemacht werden kann.

Grafik

Luftraum

Nur das Bundesheer hatte die ganze Zeit den Überblick

An normalen Tagen sind zeitgleich etwa 200 Flugzeuge im betroffenen Luftraum. Auch wenn für die Fluglotsen der Schirm plötzlich schwarz wird – das Bundesheer sieht weiterhin jeden Flieger. Denn das Heer verwendet ein aktives Radar, das nach dem Echoprinzip die Reflexionen von Luftfahrzeugen auffängt. Damit erkennen die Militärs auch Flieger, die keine Transponder eingeschaltet haben.

Die Einsatzzentrale des Bundesheeres ist im Regierungsbunker in St. Johann im Pongau. Aber auch bei der Austro Control in der Wiener Schnirchgasse sind militärische Fluglotsen stationiert. Doch eine  Übernahme von Flugsicherungsaufgaben durch militärische Fluglotsen wäre  auch im Falle eines länger andauernden Ausfalles des zivilen Radars aus rechtlichen Gründen nicht möglich gewesen.

Radarsysteme

Wieder Störangriff auf Flugsicherung

Zum zweiten Mal verschwanden Flieger vom Radar / Europäische Behörden untersuchen.

Flugzeug2
Foto: dapd

Jetzt ist Feuer am Dach: Nachdem am vergangenen Donnerstag die Radarsysteme der Flugsicherung in Teilen Mitteleuropas von einem bisher unbekannten Störsender lahmgelegt wurden – der KURIER berichtete –  verschwanden am Dienstag schon wieder Flieger von den Bildschirmen der Fluglotsen. Geriet beim ersten Vorfall eine NATO-Übung in Verdacht, der Verursacher zu sein, soll zum Zeitpunkt des zweiten Vorfalls keine NATO-Übung stattgefunden haben. Die europäische Luftverkehrskontrolle Eurocontrol und die europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) haben Untersuchungen eingeleitet.

Beim ersten Blackout in der Vorwoche verschwanden ab 14 Uhr zunehmend Flugzeuge von den Radarschirmen der Flugverkehrskontrollzentralen in Wien, Bratislava, Karlsruhe und Prag, obwohl die Flugzeuge weiter in der Luft waren. Bisher Unbekannte hatten offenbar die Transponder der Flieger gestört, die den Bodenstationen Identität und Flugdaten übermitteln. Das kann dramatische Folgen haben. Denn pro Tag durchqueren alleine den österreichischen Luftraum bis zu 4000 Maschinen. Zeitgleich befinden sich meist etwa 50 Flieger im österreichischen Luftraum.

Notprogramm

Dass es zu keinem Crash kam, ist einem gut durchdachten Notprogramm der Fluglotsen zu verdanken. Die Austro Control stockte sofort das diensthabende Personal auf. Es wurden zusätzliche Flugräume geschaffen, um die Sicherheitsabstände der Flugzeuge zu vergrößern. Die Piloten gaben ihre Positionen per Sprechfunk durch und wurden von den Fluglotsen  auf Kurs gehalten. Die Störung betraf nur die zivilen Systeme. Die militärischen Radar – auch das des Bundesheeres – blieben intakt.
Nachdem  vier Luftverkehrszentralen gleichzeitig betroffen waren, musste der Auslöser wohl von außen kommen. Ein Verdächtiger war rasch ausgemacht. In Ungarn übte die NATO die elektronische Kampfführung gegen Transponder von Flugzeugen. Also lag die Vermutung nahe, dass ein übereifriger Elektronik-Krieger das Störsignal nicht nur gegen ein Übungs-Zielobjekt gerichtet hatte, sondern damit auch noch irrtümlich halb Europa bestrahlte.

Am Dienstag folgte dann ein zweites Blackout. Zwischen 13.30 und 15 Uhr verschwanden plötzlich wieder Flieger von den Bildschirmen. Betroffen waren diesmal die Flugsicherungen in Wien, München, Karlsruhe und Prag.

Lagezentrum

Es wurde so wie beim ersten Zwischenfall das Nationale Lageführungszentrum in Üdem in Deutschland kontaktiert. Dieses Lageführungszentrum hatte zwar beim ersten Fall als mögliche Ursache die NATO-Übung für elektronische Kampfführung in Ungarn bestätigt. Doch dieses Mal winkten die Experten ab. Die Übung in Ungarn war beendet. Und eine aktuelle  laufende Übung in Süditalien sei technisch nicht in der Lage, Radaranlagen bis Norddeutschland zu stören.

Jetzt ist Feuer am Dach: Wenn es nicht die NATO war, wer ist es dann? In Geheimdienstkreisen wird über zwei Möglichkeiten spekuliert: Eine so großräumige Störung könne nur per Satellit erfolgen. Darüber verfügen nur die USA, Russland, China und Indien. Welche Interessen sollten sie haben, eine derartige Verunsicherung zu erzeugten? Oder gelang es terroristischen Hackern, in den bodengestützten Datenverkehr der Luftsicherung einzudringen?

Austro Control-Sprecher Markus Pohanka bestätigt auch den zweiten Vorfall. Diesmal sei es nicht zu so vielen Ausfällen wie vor einer Woche gekommen.  Es seien Flugzeuge in großer Höhe betroffen gewesen. Pohanka versucht jedenfalls zu beruhigen: Es hätte keine Gefahrensituationen gegeben. Die Zwischenfälle hätten vielmehr gezeigt, dass die Fluglotsen auch bei Systemausfällen in der Lage seien, den Luftraum sicher zu verwalten.

(kurier) Erstellt am
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