Zur mobilen Ansicht wechseln »
Kurier Fotowettbewerb 2014
Im März 2008 stürzte ein Baum auf das Auto von Andreas Matzi. Er wurde schwer verletzt, für seine Freundin Gaby kam jede Hilfe zu spät
Im März 2008 stürzte ein Baum auf das Auto von Andreas Matzi. Er wurde schwer verletzt, für seine Freundin Gaby kam jede Hilfe zu spät - Foto: Reuters/HO

Letztes Update am 23.01.2013, 06:00

Sturm-Opfer: "Man will vergessen". Fünf Jahre nach dem Sturm-Drama wurde das Finale um Schmerzengeld vertagt.

Rund um die St. Pöltner Josefskirche fegte Sturm „Emma“ mit 115 km/h. Eine Riesenpappel krachte am 1. März 2008 vor dem Gotteshaus auf ein vorbeifahrendes Cabrio. Lenker Andreas Matzi, 29, wurde schwer verletzt, ebenso Tochter Phoebe, 3 und seine Mutter Michaela, 46. Seine Freundin Gabriele Solar, 20, starb.

Seither prozessiert Matzi zivilrechtlich um Schmerzengeld und Schadenersatz gegen die Stadt, die den Kirchenbaum zur Pflege übernommen hatte. Vergangene Woche sollte im Landesgericht St. Pölten das Prozessende sein, Matzis Anwalt Martin Wandl hatte seine Forderung auf 85.000 Euro reduziert. Doch es kam anders.


Es wurde um jeden Euro gefeilscht. Stadt-Anwalt Georg Thum bezweifelte die Liebe zwischen dem Opfer und dem Kläger, verhörte Verwandte über die „sexuelle Beziehung“ und verlangte einen Kfz-Sachverständigen, um den Autowert (15.000 Euro verlangt) zu drücken.

Gesundheitlich nie wiederhergestellt, ist Matzis Mutter 2011 gestorben – an Krebs. In einem KURIER-Interview schüttete der 29-Jährige sein Herz aus.

KURIER: Wie geht es Ihnen mit dieser Endlos-Geschichte?

Andreas Matzi: Man steht alleine da, will endlich alles vergessen, aber es nimmt kein Ende. Die Stadt zögert alles nur raus, man muss sich nur vorstellen, der letzte Prozess war im Februar, also fast vor einem Jahr! Ich hab mich von St. Pölten als Fitnesstrainer nach Linz abgeseilt, wie die Mama gestorben ist, weil ich halt es da nicht mehr aus. Man kann sich ja gar nicht vorstellen, wie viele sogenannte Freunde man auf einmal hat, wenn Leute wissen, dass man vielleicht Geld kriegt.

Verfolgt Sie das traumatische Geschehen jetzt noch immer – körperlich und seelisch?

Es kommt immer wieder daher. Ich hab 29 Schrauben im Kopf und Schmerzen bei jedem Wetterumschwung. Das wär ja noch auszuhalten. Aber ich werd‘ oft um 5 Uhr Früh munter und bin mitten drin in dem Chaos. Ich sehe meine tote Freundin, die blutende Mutter und ich versuche, sie aus dem Wrack rauszuholen. Mit bloßen Händen, die ich mir ganz zerschneide – wie es in Wirklichkeit auch war.

Sturmwetter und Bäume – was löst das bei Ihnen aus?Seit das Unglück passiert ist, halt ich mich von Straßen fern, wo große Bäume stehen. In einer Allee krieg ich die Krise und wenn ein Sturm geht, trau ich mich nicht aus Gebäuden. Neulich bin ich durch die Josefstraße gefahren, unbewusst viel zu schnell, damit ich wegkomme. Da hat mich ein Polizist gestoppt, 20 Euro Strafe verlangt und gefragt, warum ich zu schnell war. Ich hab gesagt: ,Das Kreuz da drüben und die Kerzen, das war ich, ich bin der Überlebende‘. Er war human und hat mir die Strafe erlassen.

Was wollen Sie mit dem Schmerzengeld machen?

Am liebsten tät ich sagen, da habt’s euer Geld und gebt’s mir dafür die Mama und die Gaby zurück. Geld macht nicht annähernd wett, was ich verloren habe. Mein Vater starb, als ich drei war, jetzt ist auch meine Mutter tot. Das ist das Schlimmste. Geld macht mich nicht glücklich.

(kurier) Erstellt am 23.01.2013, 06:00

Stichworte:



Diskussion

Kommentare aktualisieren
Bitte Javascript aktivieren!