Der neue Herr über den Hahnenkamm

Filmpremiere Streif
Foto: KURIER/Rainer Eckharter Axel Naglich (re.) mit Ski-Assen Reichelt und Cuche bei der Filmpremiere von "Streif"

Als Vorläufer hat Axel Naglich die Streif früher selbst bezwungen. Heuer gibt er erstmals den Rennleiter.


Ob er bei seinem ersten Mal 19 oder 20 Jahre alt war, kann Axel Naglich heute nicht mehr sagen. Und Video würde er davon auch lieber keines sehen, wie er sagt. Die Eindrücke seines Premieren-Ritts als Vorläufer auf der weltberühmten Streif sind geblieben: "Ich habe nicht wirklich gewusst, wie mir geschieht. Es ist mir alles viel zu schnell gegangen. Und dann bin ich im Ziel gestanden und habe mich gefragt, wie ich dort hingekommen bin."

Danach war dem heute 47-Jährigen klar, dass die Profis nicht nur "Gschichtln" erzählen, wenn sie erklären, sich vor der berühmtesten und spektakulärsten Abfahrt der Welt sprichwörtlich in die Hose zu machen. Elf Mal ist Naglich als Testpilot an den Start gegangen. Den Hahnenkamm, der diese Woche wieder im Zeichen der Ski-Rennen steht, kennt der Kitzbüheler aus vielen Perspektiven.

Das Haus, in dem Naglich lebt und aufgewachsen ist, steht neben dem Zielhang der Streif. Als Kind ist er im Winter jeden Tag auf der Piste. Und die Abfahrer, "das waren damals meine Götter", sagt er. Seit zwei Jahrzehnten gehört Naglich zu dem Team, das den Skirennläufern am Hahnenkamm einen eisig-schaurigen Teppich ausrollt. Heuer trägt er als neuer Rennleiter erstmals die Hauptverantwortung. Am Sonntag gab er Grünes Licht dafür, dass die Rennen auf den Originalstrecken stattfinden können.

Gatsch statt Piste

Auch wenn der Winter offenbar genau rechtzeitig ins Land gezogen ist, gibt es bis zuletzt stets Unwägbarkeiten. "Vor ein paar Jahren bin ich um eins in der Nacht vor der Abfahrt auf der Hausbergkante bis zur Hüfte im Gatsch gestanden", lässt Naglich die Erinnerung an seinen bis dato härtesten Einsatz auferstehen. Ein Wärme- und Regeneinbruch hatte die bereits fertige Strecke aufbrechen lassen. "Und dann hat es geschneit, was runtergegangen ist. Es hat keine Piste mehr gegeben. Das war wie ein frisch gepflügter Acker", erzählt Naglich und hat ein verschmitztes Lächeln im Gesicht. "Um zwei hat es aufgehört zu schneien. Und bis zum nächsten Morgen hatten wir eine perfekte Piste."

Das Wetter spielt alle möglichen Stücke, die Naglich eine Kitzbühel-Rennwoche verhageln könnten: zu wenig oder zu viel Schnee, Föhnsturm, Regen oder Nebel. Der 47-Jährige kennt die gesamte Palette an Widrigkeiten. Aber wenn in anderen Skiorten selbst Klassiker des Rennsports längst abgesagt würden, wird in Kitzbühel noch lange nicht aufgegeben. Das wissen auch die FIS-Funktionäre. "Wir haben uns einen ganz guten Ruf erarbeitet. Alles, was denkmöglich ist, wird gemacht", sagt der Tiroler und weiß dabei, dass auch das nicht immer hilft.

2007 etwa wirbelte Orkan Kyrill über Europa und fraß dabei den Schnee vom Hahnenkamm. Hubschrauber flogen Nachschub herbei. 350.000 Euro kostete die Rettungsaktion. Die Speedbewerbe mussten trotzdem abgesagt werden.

"Ein bisschen pervers"

Dass derartige Aktionen für Kopfschütteln sorgen, ist Naglich bewusst: "Besonders gefällt uns das Schneefliegen nicht. Das ist in Wahrheit ein bisschen pervers. Da verstehe ich, wenn ein eingefleischter Grüner sagt: ,Die haben einen Vogel.‘" Grundsätzlich gelte aber die Devise: "So lange es in der Region auf den Pisten zum Skifahren geht, sollten wir in der Lage sein, ein Rennen durchzuführen. Wenn nirgendwo Schnee liegt, muss man auch kein Rennen fahren."

Auf Kitzbühel ruhen heuer nach dem bisher mageren Winter große Hoffnungen. Touristiker träumen von TV-Bildern, die verschneite Landschaften zeigen, Lust aufs Skifahren machen und grüne Hänge vergessen machen. Besonderen Druck verspürt der neue Rennleiter von Kitz aufgrund der Erwartungshaltungen nicht: "Den Druck erlegen wir uns immer selbst auf. Alle Beteiligten sind massiv daran interessiert, dass das stattfindet. Sonst war ein Jahr Arbeit umsonst."

Diese Arbeit genießt Naglich, im Zivilberuf Architekt, auch dann noch, wenn er mit seinem Team zu Nachteinsätzen auf den Berg muss – etwa, um Neuschnee aus der Piste zu rutschen. "Das ist dann die Parallelwelt zu dem Wahnsinn, der sich in der Stadt abspielt. Wenn unten Party und Wirbel sind, herrscht oben heilige Ruhe. Das macht Spaß." Als Extremsportler (siehe Infos unten) hat Naglich eben seine eigene Definition von Spaß.

Zur Person

Mann der Extreme

Axel Naglich / Vertical Rush / Mt. St. Elias
Foto: /Vitek Ludvik/Red Bull Content Pool

Im Zivilberuf plant Axel Naglich als Architekt Häuser. Doch der Kitzbüheler ist auch einer der Red-Bull-Athleten der ersten Stunde. Extremsportler, die der Salzburger Getränkekonzern unter seine Sponsorflügel nimmt, sind keine Kinder von Traurigkeit. Das gilt auch für den 47-Jährigen. Als Skialpinist hat er einige der extremsten Routen der Welt befahren. Dazu gehört eine fast senkrechte Rinne am Kitzbüheler Horn. Die Krönung seiner Karriere war allerdings 2007 die Erstbefahrung der längsten Skiabfahrt der Welt in Alaska vom Mount St. Elias. Dieser gab  einer Film-Doku den Namen.

Kitzbüheler Bursch
Naglich ist direkt an der Streif aufgewachsen. Die Abfahrer waren seine großen Idole. Selbst Rennsportler zu werden, interessierte ihn nie, trotzdem  bretterte Naglich die Streif elf Mal  als Vorläufer hinunter. Heute sagt der Extremsportler: "Im Renntempo möchte ich da nicht mehr runterfahren." Seine Idee zu einer Doku über das Rennen mündete im Kinofilm "Streif – One Hell of a Ride", am Mittwoch um 20.15 Uhr auch auf ORFeins zu sehen.

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(kurier) Erstellt am
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